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Blogreihe Handicaphunde: Charlie, ein Hund mit PRA

Heute geht es weit­er mit unser­er Blo­grei­he zum The­ma Hand­i­ca­phunde. Die liebe San­dra von Dreipunk­techar­lie hat uns ihre Geschichte geschickt und ich freue mich sehr, diese Zeilen heute mit euch teilen zu kön­nen.

Charlie, ein Hund mit PRA

Ohne Hunde leben? Undenkbar. Ich bin mit Hun­den aufgewach­sen und sobald es mir von der Wohn­si­t­u­a­tion und beru­flich möglich war, zog wieder ein Hund bei mir ein. Lis­beth, eine ungarische Straßen­hündin. Das ist heute elf Jahre her und ich bin in der wun­der­baren Lage, meinen Hund mit ins Büro zu nehmen. So kann ich meine Lei­den­schaft für Hund gut mit meinem Leben kom­binieren und hat­te vor knapp zwei Jahren die Idee, einen zweit­en Hund bei mir aufzunehmen.

Es sollte wieder ein Hund aus dem Tier­schutz sein, das entspricht ein­fach mein­er Überzeu­gung. Und nach einiger Suche fand ich auf ein­er Pflegestelle nicht weit ent­fer­nt Char­lie, einen Bor­der-Col­lie-Mix aus Ungarn. Fre­undlich, gut sozial­isiert, ein Charmeur, der sog­ar die wäh­lerische Lis­beth um den Fin­ger wick­elte. Kurz: Wir waren ver­liebt und Char­lie zog kurze Zeit später bei uns ein.

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Char­lie lebte sich wun­der­voll ein, er ist ein Son­nen­schein und bere­ichert mein Leben. Er strahlt eine Lebens­freude aus, die nicht in Worte zu fassen ist. Als recht junger Hund, der im Tier­schutz früh kas­tri­ert wurde (davon mag jed­er hal­ten, was er will), ist er juve­nil und aus­ge­lassen. Und manch­mal rem­pelt er beim Toben etwas an. Nicht weit­er schlimm, dachte ich. Und dann passierte etwas, das unser Leben verän­dert hat: Wir macht­en im Herb­st 2015 einen Spazier­gang im Dunkeln auf unbekan­ntem Ter­rain, da wir Fre­unde besucht­en. Wie fast immer liefen Char­lie und Lis ohne Leine, sie sind gut abruf­bar und dür­fen diese Frei­heit dann genießen, wenn die Umstände es erlauben. Char­lie lief nicht weit ent­fer­nt von mir und so erlebte ich haut­nah, wie er auf ein­er Treppe stolperte, sich fast über­schlug und vol­lkom­men irri­tiert war. Ich rief ihn ran und wir gin­gen weit­er. Nach weni­gen Metern lief er – und das ist unter Zeu­gen passiert – mit Schwung gegen einen Pfos­ten. Mit dem Kopf zuerst. Das verun­sicherte mich. Er ist ungestüm, aber so etwas war uns vorher noch nicht passiert.

Auf der Rück­fahrt nach Hause geri­et ich ins Grü­beln. Wann waren wir zulet­zt eine unbekan­nte Strecke gelaufen? Hat­te er dort auch so Prob­leme? Meine erste Sofort­maß­nahme zu Hause: Der Wat­te­bausch-Test. Ein Wat­te­bausch fällt geräusch­los, ein völ­lig blind­er Hund kann diesen also nicht über das Gehör orten und würde den Wat­te­bausch nicht wahrnehmen. Char­lie sah den Wat­te­bausch jedoch und fing sofort an, sich dafür zu inter­essieren.

Fol­glich lautete die erste Laien­di­ag­nose Nacht­blind­heit. Wir haben dann umge­hend unseren Tier­arzt aufge­sucht, der eine verzögerte Pupil­len­reak­tion bei Lichtwech­sel fest­stellte und ein großes Blut­bild machte, um Dia­betes und andere schwere Erkrankun­gen auszuschließen. Weit­er­hin emp­fahl er uns einen Augen­spezial­is­ten in der Tierklinik Duis­burg, der weit­ere Tests machen sollte. Am näch­sten Tag stand fest: Das Blut­bild ist in Ord­nung, es blieb die Ver­dachts­di­ag­nose PRA, die später in Duis­burg bestätigt wurde. PRA ist die Kurz­form von Pro­gres­sive Reti­na Atro­phie. Dies ist eine genetisch bed­ingte Form der Blind­heit, die mit ein­er Nacht­blind­heit begin­nt und in ein­er völ­li­gen Blind­heit endet.
Keine schöne Diag­nose, aber nicht die schlecht­este, mit der wir anfangs rech­nen mussten. Er hat keinen Tumor, keine chro­nis­che Erkrankung, die sein Leben verkürzt. Er lei­det nicht an Schmerzen und wird langsam erblind­en, so dass er sich mit sehr hoher Wahrschein­lichkeit daran gewöh­nen wird.

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Und trotz­dem, es tut mir weh. Warum muss es aus­gerech­net Char­lie tre­f­fen? Er ist noch so jung und hat noch (hof­fentlich) viele Jahre vor sich. Wie kön­nen wir eine Erblind­ung mit unserem All­t­ag vere­in­baren? Wir haben so lange „Schau mich an“ geübt, da er anfangs Blick­kon­takt eher ver­mieden hat. Ich mag seine bern­ste­in­far­be­nen Augen so sehr! Wir haben all unsere Kom­man­dos vor der Diag­nose auf Sichtze­ichen aufge­baut! Ich war so stolz, wenn er auf Fin­gerzeig reagiert hat. Ich geste­he, ich war anfangs am Boden zer­stört.

Und dann pack­te mich der Ehrgeiz. Es wäre doch gelacht, wenn wir das nicht schaf­fen wür­den! Ich erstellte einen Train­ings­plan, legte neue Ziele für uns fest, von denen ich glaube, dass sie uns das Leben erle­ichtern wer­den. Generell zie­len diese Kom­man­dos und Maß­nah­men darauf ab, Char­lie weit­er­hin ein art­gerecht­es Leben zu bieten und auch mal ohne Leine laufen lassen zu kön­nen. Er ist sehr kom­man­dosich­er und wenn es irgend­wie möglich ist, möchte ich ihm eine Zukun­ft ers­paren, in der er nur noch an Leine und Schlep­pleine laufen darf. Das Ziel lautet, dass er in bekan­ntem Gelände unter mein­er Auf­sicht auch frei laufen darf ohne andere oder sich zu gefährden.

Prak­tisch ist in diesem Zusam­men­hang (wenn man das so for­mulieren darf), dass Char­lie schon nacht­blind ist. Wir kön­nen also seine „Defizite“ nachts erken­nen und dann bei Licht trainieren. Und das machen wir nun seit über einein­halb Jahren so. Mit Erfolg. Char­lie sieht mit­tler­weile auch bei Däm­merung nichts mehr, tagsüber nimmt die Sehkraft für mich merk­lich eben­so ab. Ich ver­mute, uns bleibt weniger als ein Jahr, bis er völ­lig blind ist.

In dieser Zeit werde ich ihm alles zeigen, was er braucht, um ein Leben in Dunkel­heit genießen zu kön­nen. Wir ver­suchen, so viele Orte wie möglich zu besuchen. Er soll ler­nen, sich immer wieder bewusst neu zu ori­en­tieren. Keine Angst vor frem­den Umge­bun­gen haben. Und ich bin zuver­sichtlich, dass wir das schaf­fen!

Er hat eine gute Bindung zu mir, wenn wir bei Dunkel­heit unter­wegs sind, ori­en­tiert er sich stark an mir, lässt sich von mir leit­en und ver­traut mir im wahrsten Sinne des Wortes blind. Am meis­ten beruhigt und bestärkt mich jedoch: Wenn wir auf ein­er ver­traut­en Strecke unter­wegs sind, merkt ein Außen­ste­hen­der nicht, dass Char­lie nichts sehen kann! In ver­trautem Umfeld bewegt er sich wie jed­er andere Hund auch und meis­tert sein Hand­i­cap richtig gut! Ich habe also die leise Hoff­nung, dass ihn seine Blind­heit nicht ein­schränkt und für mich wahrschein­lich prob­lema­tis­ch­er ist, als für ihn.
Es liegt also alleine an mir, sein Selb­st­be­wusst­sein zu stärken und ihn für die totale Blind­heit zu wapp­nen. Unser Tier­arzt unter­stützt mich dabei ganz toll, gibt mir Tipps und fördert all meine Ideen. So stimmte er auch zu, dass wir uns homöopathis­che Unter­stützung sucht­en, um Char­lies Per­sön­lichkeit zu stärken, ihn noch selb­st­be­wusster zu machen. Ich möchte ein­fach, dass sein Selb­st­be­wusst­sein nicht unter der Erblind­ung lei­det. Natür­lich habe ich darauf Ein­fluss, kann ihn stärken und sicher­er machen. Aber auch nur begren­zt, denn ich stecke nicht „in seinem Kopf“. Und dieser Ansatz gibt mir weit­er­hin das Gefühl, alles Mögliche für ihn zu tun. Es gibt keine kon­ven­tionelle Ther­a­pie bei PRA, sie ist unheil­bar. Aber vielle­icht gibt es Wege, die Erkrankung ein­fach­er zu machen.

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Und auch ich ver­suche, es mir ein­fach­er zu machen. Ich spreche bewusst darüber, wenn ich mal wieder einen Durch­hänger habe, weil Char­lie gegen etwas gelaufen ist. Ich schreibe einen Blog, der ehrlich gesagt für mich auch eine Möglichkeit ist, meine Gefüh­le zu for­mulieren und zu ver­ar­beit­en. Ich fotografiere ihn unzählbar oft, da man auf vie­len Fotos sehr gut erken­nen kann, wie weit die Erkrankung fort­geschrit­ten ist, je nach Lichtver­hält­nis­sen sind seine Augen dann grün und nicht mehr braun, das hängt mit der verän­derten Reflex­ion des Lichts auf der Reti­na zusam­men. Für mich sind diese Fotos ein Anhalt­spunkt, wie weit die Erkrankung fort­geschrit­ten ist.
Ihr seht, ich bin auf der einen Seite aufrichtig erschüt­tert und hadere manch­mal mit der Erkrankung, aber auf der anderen Seite bin ich auch zuver­sichtlich. Wir sind ein Team und daran kann auch eine Erblind­ung nichts ändern. Und an mein­er Liebe zu ihm erst recht nicht.

Vie­len Dank für diesen per­sön­lichen Ein­blick in Char­lies Erkrankung. Ich wün­sche ihm, dass er sich ganz schnell an die Sit­u­a­tion gewöh­nt. Wah­snin­nig toll, wieviele Gedanken ihr euch macht, um ihn unter­stützen zu kön­nen.

Queens Fre­und Izzy bekam vor Kurzen die gle­iche Diag­nose. Ich freue mich, dass sein Frauchen Lea uns eben­falls ihre Geschichte erzählen wird.

3 Comments on “Blogreihe Handicaphunde: Charlie, ein Hund mit PRA

  1. Alles Gute für euch, San­dra, Char­lie und Lis. Wenn ich eure Geschicht­en lese, scheint ihr so ein starkes Team zu sein. Ich glaube, dass ihr das super meis­tern werdet.
    Her­zliche Grüße
    Ste­phie mit Enki und Luna

  2. Guten Abend, toll was Sie für Ihren Hund machen. Ich “fürchte”, da der Beitrag schon etwas älter ist, dass Char­lie mit­tler­weile blind ist. Ich über­lege ger­ade, ob ich eine Labrador-Hündin übernehme, die diese Krankheit hat, aber aktuell noch noch keine Symthome zeigt. Ich habe bere­its zwei Rüden, die, so hoffe ich, später ein­mal als Blind­en­hunde agieren kön­nten. Außer­dem arbeite ich eng mit ein­er Hun­de­trainer­in zusam­men. Ist dies zu ein­fach gedacht? Sie ist nun 1 1/2 Jahre alt. Auch ich kön­nte vor­bere­it­en.

    1. Da es sich um eine Blog­pa­rade han­delt, habe ich den Artikel nicht geschrieben. Sie find­en aber den Link zu dem Blog im Text. Dort kön­nen Sie mit der Autorin direkt Kon­takt aufnehmen

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