Blogreihe Handicaphunde — Ein Leben mit Deprivationssyndrom

Blogreihe Handicaphunde — Ein Leben mit Deprivationssyndrom

Heute ist wieder Mittwoch und das bedeutet, es geht weiter mit unserer Blo­greihe zum Thema Hand­i­ca­phunde. Heute erzählt uns Daniela vom Hun­de­blog Pfoten­fre­unde ihre Geschichte. 

Es sind die kleinen Dinge

Ein Leben mit Deprivationssyndrom

Skadi ist nun drei Jahre. Seit 2 ½ Jahren bere­ichert sie unser Leben. In dieses 2 ½ Jahren habe ich so viel über Hunde gel­ernt, wie sie denken, was sie fühlen und wie man am effek­tivsten trainiert. Schon unser Ghandi war nicht ganz ein­fach aber Skadi hat sie alle geschlagen.

Skadi lei­det an einem Depri­va­tion­ssyn­drom. Sie ist in Bul­gar­ien aufgewach­sen. In einem Hin­ter­hof hat sie die ersten sechs Monate ihres Lebens ver­bracht. Somit kon­nte sie keine schlechten Erfahrun­gen sam­meln. Aber auch keine guten. Das Hirn kon­nte keine Verknüp­fun­gen her­stellen welches das Ver­hal­ten von Skadi in ihrem weit­eren Leben bee­in­flussen würde. Die Geburt eines chro­nis­chen Angsthun­des der mit hys­ter­ischem Bellen auf ihr unbekan­ntes reagiert.

Unsere Geschichte

Als Skadi bei uns ein­zog wusste ich von alle dem noch gar nichts. Sie war zu diesem Zeit­punkt bere­its 6 Monate alt, hatte also die wichtig­sten Phasen ihres Lebens hin­ter sich. Das sie gegenüber von Men­schen die sie nicht kan­nte mit ver­bellen reagierte schob ich erst mal auf die all­seits bekan­nten Spooky-Phasen eines Hun­des. Aber schon bald merkte ich dass dies nichts mit den nor­malen Spooky-Phasen zu tun hat. Dazu waren diese Phasen zu heftig und zu lang.

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Außer­dem tat sich Skadi mit dem ler­nen ein­fach­ster Dinge schwer, ja sie hatte sogar Angst vorm Click­ern. Entschei­dun­gen alleine tre­f­fen (bsp. beim Free-Shapen) brachte Skadi in eine mit­telschwere Leben­skrise. Für mich, als jemand mit hun­de­sportlichen Ambi­tio­nen, der gerne click­ert und mit seinen Hun­den unter­wegs ist und sie immer dabei hat, erst ein­mal schwierig zu akzep­tieren das Skadi ein­fach anders ist.

Ich merkte rel­a­tiv zügig das Skadi ein spezielles Train­ing brauchte. Keine Unterord­nung, keine Tricks son­dern ein­fach nur Train­ing um All­t­agstauglich zu wer­den. Ein Hund der Men­schen ver­bellt weil er Angst vor ihnen hat und Fahrräder, Jog­ger, LKWs und PKW jagte ist ein­fach eine Gefahr. Für sich selbst und andere.

Durch meine Recherchen im Inter­net stieß ich dann ganz schnell auf das Depri­va­tion­ssyn­drom und hatte somit eine Diag­nose mit der ich arbeiten kon­nte. Unser Train­ing wurde ganz und gar im Stil der pos­i­tiven Ver­stärkung gestaltet.

Ich lernte in der Zeit vor allem vorauss­chauend zu sein, zu reagieren bevor sie es tat und wie wichtig Dis­tanz im Train­ing sein kann. Nun, 2 ½ Jahre später sind wir soweit das nie­mand mehr Angst vor uns haben muss oder ich Angst haben muss das Skadi noch irgendwelche Dinge hin­ter­her jagt. Sicher, ich rufe sie immer noch zurück wenn uns Men­schen, Jog­ger etc. passieren. Ein­fach aus Reflex und Höflichkeit. Aber auch weil ich weiß dass jeder Rück­fall wieder ein Rückschritt sein kann. Ver­bellen tut sie Men­schen jedoch immer noch. Näm­lich genau dann wenn diese sie ansprechen und sich zu ihr runter beu­gen um sie stre­icheln zu wollen. Das findet sie immer noch ätzend. Aber das ist ok. Damit kön­nen wir leben.

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Wie es mir dabei geht

Nun, es ist anstren­gend. Anstren­gend auf einem Spazier­gang immer zu Hun­dert Prozent dabei zu sein. Einen sprich­wörtlichen 360° Blick zu haben. Außer­dem ist es nicht ganz leicht mit einem auf­fäl­li­gen Hund in die Öffentlichkeit zu gehen. Ein Hund der Men­schen ver­bellt? Der über­haupt bellt und knurrt? Unmöglich in der heuti­gen Gesellschaft. Ich habe Glück dass Skadi klein und süß ist. So schmun­zeln die meis­ten Men­schen ein­fach nur. Bei einem großen Rot­tweiler oder Schäfer­hund ist das bes­timmt ganz anders.

Besuch emp­fan­gen ist allerd­ings immer noch so ein Ding – zum Glück haben wir sel­ten bis nie Besuch. Aber auch unser Trep­pen­haus (wir wohnen in einer Woh­nung) ist auch noch so ein Prob­lem. Die Enge, die Akustik, dus­teres Licht … wenn uns da ein fremder Men­sch begeg­nen würde hät­ten wir ein Prob­lem. Zum Glück wis­sen unsere Nach­barn das und lassen uns immer rein und raus gehen bevor sie selbst das Trep­pen­haus betreten.

Unser Leben ist also schon sehr eingeschränkt (gewe­sen) und man ist immer (noch) auf Habacht­stel­lung, muss sich mit eini­gen blö­den Kom­mentaren abfinden („der gehört erschossen“) und sich eingeste­hen dass das ganze Leben mit diesem Hund aus Train­ing beste­hen wird und ein nor­males Leben wohl niemals möglich ist. Im Café sitzen und der Hund döst unterm Tisch?! Never ever. Mit Inuki vielle­icht (wenn wir einen Tisch finden der groß genug ist) aber mit Skadi ist es nur eine Wunschvorstellung.

Ich habe mich damit abge­fun­den. Egal wie sehr wir trainieren, Skadi wird immer beson­ders bleiben. Synapsen kann ich halt nicht herza­ubern. Ich habe gehört man bekommt immer den Hund den man ger­ade braucht. Nun. Den habe ich bekom­men. Inuki habe ich bekom­men weil ich ein­fach einen See­len­hund brauchte, einen Hund der sich meinem Leben anpasst. Der immer da ist, alles für mich gibt. Aus dem ich Kraft ziehen kann.

Und Skadi habe ich bekom­men um diese Kraft zu investieren, zu ler­nen. Ler­nen, „wie Hunde ticken“. Durch sie trainiere ich jetzt auf einem ganz neuem, anderem Level als „nor­male“ Hun­de­hal­ter. Ich habe meine Wis­senslücken ins­beson­dere im Train­ing mit Angsthun­den und Angstag­gres­siven Hun­den gefüllt und bin nach wie vor bestrebt so viel wie möglich zu wissen.

Durch sie habe ich auch mehr Ver­ständ­nis für über­forderte Hun­de­hal­ter entwick­eln kön­nen. Schließlich weiß ich sel­ber wie deprim­ierend es sein kann schein­bar keine Fortschritte zu machen. Die strafenden Blicke anderer Hun­de­hal­ter die natür­lich alles besser machen tun ihr übriges.

Wie es weiter geht

Wie sonst auch. Fallen wir hin? Dann ste­hen wir wieder auf! Ver­lieren wir aus dem Blick was wichtig ist? Dann holen wir uns gegen­seitig auf den Tep­pich zurück. Skadi ist ein glück­licher Hund. Mit Ecken und Kan­ten. Man muss nur wis­sen es zu man­a­gen. Aber so wie es ist, ist es gut. Wir sind stolz darauf was wir gemein­sam erre­icht haben, stolz darauf nicht aufgegeben zu haben und sind noch stolzer darauf uns gegen­seitig zu haben!

Ob ich in ferner Zukunft mich bewusst für so einen Hund entschei­den würde? Nein. Ich denke nicht. Aber wenn ich eines gel­ernt habe, dann dass es immer anders kommt als wie man denkt. Auch in Sachen Hundeanschaffung.

Vie­len Dank dafür, dass du diese Geschichte mit uns geteilt hast. Schön, dass du dabei warst 🙂

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Posted on: 24. August 2016Sabrina

8 Gedanken zu „Blogreihe Handicaphunde — Ein Leben mit Deprivationssyndrom

  1. Hallo,
    der Bericht war für mich ein einziges Aha-Erlebnis! Danke dafür!! Ich habe während des Lesens des toll geschriebe­nen Berichts sehr häu­fig gedacht, das ist wie bei uns! Ist mein Hund gar nicht durchgek­nallt, son­dern auch ein Kas­par?? Warum hat es keiner der zahlre­ichen Trainer mal ins Spiel gebracht? Warum bin über­all immer nur ich schuld an dem schrä­gen Ver­hal­ten meines Hun­des? Vielle­icht liegt es doch an der katas­trophalen Prägephase bei der ach so tollen Züch­terin. Ich glaube, ich muss mich da ein­fach mal selbst schlau machen
    Besten Dank, dass du deine Erfahrun­gen hier aufgeschrieben hast und mir einen Denkanstoss gegeben hast.
    Viele Grüße
    Elke Börner

    1. Ich kann dir das Buch “Leben will gel­ernt sein — so helfen sie ihrem Hund Ver­säumtes wettzu­machen” empfehlen. Bei Queen hat man das Kasper — Hauser — Syn­drom eben­falls fest­gestellt. Mit­tler­weile merkt man ihr das aber kaum noch an. Mit dem Buch ver­steht man seinen HUnd nochmal ein riesen Stück mehr.

          1. mache ich auf jeden fall. lei­der ist es doch noch nicht da.
            Hast du dir alles durch lesen und inter­ne­trecherche selbst angeeignet oder hat­test du einen trainer an der seite, der sich mit dieser prob­lematik auskennt?

          2. Das Buch habe ich kom­plett gele­sen. Zudem habe ich auch noch ein wenig gegoogelt. Ich habe lange über­legt, ob ich mir einen Trainer dazu­hole, habe mich dann allerd­ings aus ver­schiede­nen Grün­den dage­gen entschlossen. Erstens ist Queen ja abso­lut kein Fan von frem­den Men­schen. Wenn also ein Trainer dazugekom­men wäre, hätte das erst ein­mal eine Menge Stress für sie bedeuetet. Zudem habe ich immer wieder gele­sen, dass viele Trainer über diese Sit­u­a­tion kaum bis gar nicht informiert sind. Manche behaupteten sogar, diese Störun­gen gäbe eigentlich gar nicht. Ich habe auf mein Bauchge­fühl gehört. Queen ist für mich wie ein offenes Buch. Ich muss sie nur anse­hen und ich weiß, was sie empfindet. Daher habe ich ein­fach daran gear­beitet, ihr Selb­stver­trauen zu steigern. Ich habe viele Übun­gen und kleine Tricks mit ihr gemacht. In jedem Fall so, dass sie ein Erfol­gser­leb­nis hatte. Zergeln brachte ihr eben­falls total viel. Oft habe ich sie “gewin­nen lassen” und sie war stolz wie bolle. Die Sit­u­a­tio­nen, die ihr Stress bere­itet haben (wie zum Beispiel das Fressen) habe ich kom­plett ignori­ert. Ob sie nun fressen ging oder nicht, ich hab es kom­plett ignori­ert. Früher hab ich oft den Fehler gemacht und sie für einen leeen Napf belohnt, aber das war falsch. Aber einen großen Teil hat vor allem Püppi beige­tra­gen. Die kleine geht völ­lig unbeschw­ert durchs Leben und Queen nimmt sich sehr viel davon aus. Nicht nur, dass Queen kein Prob­lem mehr mit dem Fressen hat, sie steht sogar schon hin­ter mir, wenn ich das fer­tig mache. Früher durfte ich sie beim Fressen oder kurz vorher noch nicht mal anse­hen und sie ging in ihr Kör­bchen. Ich kann da gerne mal einen aus­führlichen Beitrag zu ver­fassen. Aber wie gesagt, ich kann nur Erfahrun­gen mit Queen berichten und alles was wir erre­icht haben, basiert kom­plett auf meinem Bauchgefühl.

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