Blogreihe Handicaphunde

Blogreihe Handicaphunde — Das humpelnde Brötchen

Heute geht es los mit unserer Blo­greihe zum Thema “Handicaphunde”.

Ver­gan­gene Woche habe ich den Aufruf zu dieser Reihe ges­tartet. Ich habe Men­schen gesucht, die mir eine per­sön­liche Geschichte zu dem Hand­i­cap ihres Hun­des erzählen. In dieser Reihe soll es weniger um die Krankheits­geschichte an sich gehen, son­dern mehr darum, wie man als Zweibeiner damit umgeht. Ich war mir dur­chaus bewusst, dass diese Blo­greihe per­sön­lich und emo­tional wer­den wird. Doch wie viele Emo­tio­nen tat­säch­lich in diesen Geschichten stecken, wurde mir bere­its beim Lesen der ersten Mail bewusst…

Den Anfang macht Heidi vom Hun­de­blog Komm­st­duhier­her

Das humpelnde Brötchen.

Der erste Hund, an dem ich ern­sthaft inter­essiert war, war ein reizen­der Mis­chling namens Arnaldo aus Spanien. Er lebte bere­its seit über einem Jahr in seiner deutschen Pflegestelle. Im Gespräch mit der Tier­schut­zor­gan­i­sa­tion erfuhr ich auch, warum: Arnaldo war pos­i­tiv auf Leish­man­iose gestestet wor­den. Ich schreckte zurück. Ich wollte ein gesun­des Tier. Ich bin Läuferin und wün­schte mir einen sportlichen Hund, der mich auf meinen Läufen begleiten kön­nte. Der mit mir tage­lange Wan­derun­gen unternehmen würde. Ich hatte erlebt, wie der Hund eines Kol­le­gen an Leish­man­iose einge­gan­gen war. Ich wollte das nicht.

So habe ich Arnaldo nie ken­nen­gel­ernt. Und doch wurde er prä­gend für alles, was danach kam. Denn ein Tier abzulehnen, weil es ein Hand­i­cap hat, kam mir damals schon irgend­wie falsch vor. Mit Erle­ichterung las ich später, dass Arnaldo bald nach meiner Anfrage ver­mit­telt wor­den war.

Die Sache mit dem Knie.

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Als ich Panini im Novem­ber 2014 traf, war ich sofort für sie ent­flammt. Alles an ihr war großar­tig und ich liebte ihre pos­i­tive, lustige Art. Diesen Hund wollte ich für immer bei mir haben. Vor der Ver­mit­tlung brachte ich sie aber zum Arzt, denn sie war noch nicht auf Mit­telmeerkrankheiten getestet wor­den. Und ich wollte auch, dass der Bewe­gungsap­pa­rat gecheckt wird. Als der Tier­arzt an Pani­nis Knie griff und es bewegte, jaulte sie auf. „Oh“, sagte der Arzt, „da ist was.“ Genaueres kon­nte er ohne Sedierung nicht fest­stellen, aber der Hund war nicht nüchtern, so kon­nte man es an diesem Tag nicht abklären. Schlimm­sten­falls sei es ein unerkan­nter Kreuzban­driss, vielle­icht schon älter. Der Hund lief nach meinem Ein­druck ganz nor­mal. Ich war am Boden zer­stört. Mit Schmerzmit­teln bewaffnet schlichen wir zurück zur Pflegestelle. Der Arzt hatte zum Abwarten und Beobachten geraten.

Zuhause googelte ich alles zum Thema Kniev­er­let­zun­gen bei Hun­den. Was würde ein Kreuzban­driss bedeuten? Was wäre, wenn sie operiert wer­den müsste? Was würde das für sie bedeuten, wenn ich sie wegen der Ver­let­zung nicht nehmen würde? Die Pflegestelle war nur als Sprung­brett für viele Hunde gle­ichzeitig gedacht und nicht im min­desten darauf ein­gerichtet, OP-Nachsorge zu betreiben. Nie­mand würde sich aus­giebig um sie küm­mern kön­nen. Und wer würde einen frisch operierten Hund nehmen wollen? Kön­nte die Tier­schut­zor­gan­i­sa­tion eine OP über­haupt bezahlen? Ich kon­nte nicht mehr schlafen, sah sie vor mir, wie sie mir ent­ge­gen gesprun­gen war, mir die Hände ableckte. Alles an diesem Hund war zauber­haft. Mit dem kleinen Schön­heits­fehler einer Ver­let­zung. Schließlich ließ ich den Test auf Mit­telmeerkrankheiten entschei­den. Wäre er neg­a­tiv, würde ich sie nehmen. Knie hin oder her. Ich kon­nte und wollte sie nicht im Stich lassen.

Am 6. Dezem­ber 2014 zog Panini bei mir ein, am 21. Dezem­ber wurde sie am Kreuzband operiert. Die Tier­schut­zor­gan­i­sa­tion bot mir an, die Kosten zu tra­gen, ich lehnte ab. Panini hatte jetzt ein richtiges Zuhause, es war an mir, für sie zu sor­gen. Sie hatte bere­its Arthrose in dem Knie, die Ver­let­zung war alt. Sie hatte sie erfol­gre­ich vor allen ver­bor­gen. Als hätte sie gewusst, dass sie nur so nach Deutsch­land kom­men kann, nur so zu mir. Sei­ther ist sie noch drei weit­ere Male operiert wor­den. Auf den ersten Kreuzban­driss fol­gte der zweite (was wohl häu­fig vorkommt). Bei­des Mal gab es Kom­p­lika­tio­nen. Als der Hund über­haupt nicht mehr auf die Füße kom­men wollte, brachte ich sie zu einem Spezial­is­ten zur Goldim­plan­ta­tion. Dort nan­nte man Panini eine „chro­nis­che Schmerz­pa­ti­entin“ mit zahlre­ichen Prob­le­men im Bewe­gungsap­pa­rat, die einan­der bed­ingten. Erst nach diesem Ter­min ging es endlich wieder bergauf.

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Die ver­gan­genen schwieri­gen Monate ver­brachte ich mit dem Wun­sch, ihre Leben­squal­ität zu verbessern und für jede neue Schwierigkeit Lösun­gen zu finden. Als sie nur noch müh­sam hüpfen kon­nte, kaufte ich einen Hun­de­buggy, damit ihr Aktion­sra­dius größer wurde und sie trotz allem am gesellschaftlichen Hun­deleben teil­haben kon­nte. Andere Hunde, Sonne, Eichhörnchen-Watching. Ohne das wären wir beide im Win­ter depres­siv gewor­den. Ich mit einem hüpfenden Kän­guru an der Leine und sie an den immer gle­ichen blö­den Büschen vor dem Haus. Dauernd gab es neue Hür­den, irgen­det­was, für das man Erfind­ungsre­ich­tum braucht. Und das war gut so. Denn nichts ist schlim­mer als die Ohn­macht und das Gefühl, nichts für das Tier tun zu kön­nen. Aber in Wahrheit kann man immer etwas tun. Und wenn es nur Kuscheln ist.

Das Leben der anderen.

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Manch­mal musste ich bei Kom­mentaren von anderen schon ein biss­chen schlucken. Einige Hun­de­hal­ter glaubten, mir unge­fragt mit­teilen zu müssen, dass sie einen Hun­de­buggy für Tierquälerei hal­ten. Als Panini von der Goldim­plan­ta­tion kam, sah sie aus wie ein gerupftes Huhn, mit vie­len rasierten Stellen. Das Laufen fiel ihr zu der Zeit beson­ders schwer. Bei einem unserer müh­samen und kurzen Spaziergänge kamen wir an einer Park­bank vor­bei, auf der zwei Män­ner saßen. Ihr Gespräch ver­s­tummte, sie glotzten Panini an und einer sagte verächtlich: „Ach du Scheiße.“ Ein biss­chen weh tat das im ersten Moment schon, auch wenn mir diese Leute natür­lich egal sind. Im Café gibt es manch­mal blöde Bemerkun­gen, wenn ich eine Decke für Panini aus­packe, damit sie weicher liegt. Es kur­sieren noch immer sehr rustikale Ansichten über Hunde.
Selbst gut gemeinte Bemerkun­gen sind nicht immer schön. Min­destens ein­mal am Tag hörte ich, dass das ja eine nette Hun­deomi sei oder man fragte nach ihrem offen­sichtlich bib­lis­chen Alter. Panini ist dreiein­halb. Inzwis­chen trägt sie manch­mal Orthe­sen, die ihre Knie sta­bil­isieren. Erfrischen­der­weise finden das viele schein­bar so frem­dar­tig, dass sie sich nicht trauen, etwas zu sagen.
Es ist auch nicht immer leicht, wenn man andere Hunde über die Wiese flitzen sieht und der eigene kann kaum krabbeln. Die Wahrheit ist aber auch, dass andere Hun­debe­sitzer Sor­gen haben, die wir nicht haben. Mein Hund liebt Men­schen, ist nett zu anderen Hun­den, frisst und verträgt alles, bleibt prob­lem­los allein, fährt gern Auto, ist easy beim Tier­arzt, bellt nicht in der Woh­nung … Oft kommt es mir komisch vor, dass der Hund alle, aber auch alle Bedürfnisse und Wün­sche erfüllen soll. Ebenso gut kön­nte man sich einen dieser japanis­chen Robot­er­hunde anschaffen.

Versprochen ist versprochen…

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Durch Pani­nis Augen kann man direkt in ihre kleine Hun­de­seele sehen. Sie ist ein offenes Buch, so lieb und unschuldig, wie ein Lebe­we­sen nur sein kann. Sie hat das allerbeste Leben ver­di­ent und genau das habe ich ihr ver­sprochen. Dass ich etwas für sie tun kann, ist wun­der­bar und wenn ich daran denke, wie es ihr in Ital­ien ergan­gen wäre, weiß ich, dass wir beide Glück haben, dass wir uns getrof­fen haben. Ihre Fortschritte zu sehen, ihre zunehmende Lebens­freude und dass es ihr jetzt gut geht, nach allem, was wir geschafft haben, macht mich glück­lich – vielle­icht sogar mehr als mich ein Hund machen kön­nte, der mit mir Marathon läuft. Es ist im wahrsten Sinne nicht immer leicht, 18 kg Hund drei Stock­w­erke rauf und runter zu tra­gen. Dass ich aber aus­gerech­net diesen Hund aus­gewählt habe, habe ich nie bereut. Panini würde mich niemals ver­fluchen oder ver­lassen, weil ich ein Hand­i­cap habe. Und deshalb ist es nur richtig, dass ich es umgekehrt genauso halte.

Vie­len Dank für diese per­sön­liche und emo­tionale Geschichte. Ich wün­sche Panini nur das Beste und ich drücke die Dau­men, dass es ihr ganz lange gut gehen wird.

Du möcht­est uns eben­falls deine Geschichte erzählen? Dann schick mir eine Mail an queen@dietutnichts.de