Allgemein, Alltägliches

Da muss er durch” — Oder doch nicht?

In let­zter Zeit ist mir immer häu­fig ein ganz bes­timmter Satz begeg­net

Da muss er durch”

Beson­ders oft hört man diesen Satz von Hun­debe­sitzern, dessen Vier­bein­er ger­ade in der entschei­de­nen Sozial­i­sa­tion­sphase steckt. Hunde, die eher ängstlich sind, “müssen” ler­nen in der vollen Innen­stadt zurecht zu kom­men. Hunde, die sich nicht so gerne von Frem­den anfassen lassen, werde an der Leine fest­ge­hal­ten, damit sie vor der Frem­den Hand nicht flücht­en kön­nen. Hunde, die vor laut­en und ren­nen­den Kindern am lieb­sten flücht­en wür­den, müssen in der Mit­tagszeit an dem Kinder­garten ent­lang, während gefühlte 200 Kids aus dem Gebäude stür­men.

Da muss er durch”

Wir alle haben unsere Hunde gerne bei uns. Wir alle nehmen sie gerne mit und freuen uns über jede Minute, die wir mit ihnen ver­brin­gen kön­nen.

Doch ist “Da muss er durch” ein notwendiger Teil der Erziehung oder der Beginn von menschlichem Egoismus?

Es gibt sich­er Dinge, die wirk­lich nicht ver­han­del­bar sind.

Für mich gehört hier in erster Lin­ie zu, dass ich meinem Hund in die Ohren, ins Maul und zwis­chen die Pfoten schauen kann. Mir ist es wichtig, dass ich darauf eine Auge habe und kon­trol­lieren kann, ob alles in Ord­nung ist. Ich muss den Hun­den das Fell bürsten kön­nen und muss die Krallen stutzen kön­nen.

Doch eigentlich hört es hier bere­its auf.

Meine Hunde müssen nicht mit in die Innen­stadt, müssen sich nicht von Frem­den anfassen lassen und müssen nicht durch eine Horde ren­nen­der lauter Kinder laufen.

Warum denn auch?

Wenn ich Besorgun­gen in der Innen­stadt machen muss, dann bleiben Queen und Püp­pi Zuhause. Was haben die bei­den denn davon durch über­füllte Gassen zu laufen und wom­öglich noch mit ins Geschäft zu kom­men?

Wenn fremde Men­schen sie stre­icheln wollen, dann lasse ich die bei­den entschei­den. Queen geht meis­tens hin. Püp­pi ver­steckt sich in der Regel hin­ter meinen Beinen. Hunde müssen sich nicht von jedem anfassen lassen. Und selb­st wenn ein Spruch kommt wie “Das ist aber ein Schiss­er” — ja dann ist es eben so. Ich werde die bei­den sich­er nicht zwin­gen sich anfassen zu lassen, nur weil  fremde Men­schen meine Hunde stre­icheln wollen. Ich geh doch auch nicht zu jedem Kinder­wa­gen und stre­ichel dem Kind über die Wange. Jed­er Men­sch und jedes Tier hat das Recht auf seine Intime Zone, seinen per­sön­lichen Radius. Und wo ich meine Gren­ze abstecke, das bleibt doch mir über­lassen. Oder in diesem Fall eben meinen Hun­den.

Queen und Püp­pi find­en laute und ren­nende Kinder bei­de gruselig. Püp­pi bekommt Angst und Queen wird nervös und ver­sucht die Kinder zu begren­zen. Also wech­seln wir die Straßen­seite und laufen nicht direkt am Ein­gang ein­er Schule oder eines Kinder­gartens vor­bei, wenn dort ger­ade alle rausstür­men. Kein Hund muss da durch. Und ich übri­gens auch nicht 🙂

Doch warum entste­ht in eini­gen Köpfen eigentlich die Forderung, dass der Hund da durch müsse?

Hunde sind keine Robot­er oder Maschi­nen, die man pro­gram­mieren kann. Hunde sind Lebe­we­sen mit eige­nen Gefühlen und Bedürfnis­sen und soll­ten als solche auch wahr und ernst genom­men wer­den.

Ich weiß nicht wann der Gedanke ent­standen ist, dass Hunde sich­er immer gerne gestre­ichelt wer­den wollen. Ich weiß auch nicht wann der Gedanke ent­standen ist, dass ein guter Hund seinen Besitzer immer und über­all begleit­en muss.

Nun begin­nen die ersten Wei­h­nachtsmärk­te und ich habe tat­säch­lich schon mit­bekom­men, dass sich Hun­debe­sitzer gezielt verabre­den um mit ihren Hun­den dort ent­lang laufen zu kön­nen — begleit­et von der irren Grund­vorstel­lung “Das muss er ler­nen”.

Ich kann mit bei dem Gedak­en bloß die Hand vor den Kopf schla­gen. Stellen wir uns ein­mal die Sit­u­a­tion vor: Der Kof­fer­raum geht auf und vielle­icht ist der erste Blick des Hun­des auf eine über­füllte Tief­garage gerichtet, die nicht nur übel riecht, son­dern auch eine völ­lig selt­same Akustik aufweist. Oben ange­langt wartet schon die liebe Ella, eine Hündin, mit der Anton son­st immer spie­len durfte. Heute aber keine Begrüßung, son­dern es geht stram­men Schrittes auf in die über­füll­ten Gassen. Dort warten dann zahlre­iche Men­schen­beine, denn etwas anderes sieht der Hund wahrschein­lich nicht. Zudem leckere und vor allem unendlich viele Gerüche, über­schwap­pende heiße Getränke, bren­nende Zigaret­ten und dies vielle­icht sog­ar auf Augen­höhe und einige harte Schuhe, die unter Umstän­den auf den Pfoten lan­den.

Da muss er durch.”

Nein. Das muss er eben nicht!

Hunde “müssen” durch den Wald schnup­pern, über Felder ren­nen und Löch­er bud­deln. Hunde “müssen” sich dreck­ig machen, im See schwim­men und über Baum­stämme klet­tern. Hunde “müssen” Hund sein dür­fen. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich finde das musste mal gesagt wer­den…

7 Comments on “Da muss er durch” — Oder doch nicht?

  1. Hal­lo, ich bin zwar Katzenhalterin,aber trotz­dem, oder ger­ade deswe­gen bin ich ganz Dein­er Mei­n­ung. Auch ein Tier ist ein Individuum,das man als solch­es respek­tieren sollte,und es nicht unnötig Sit­u­a­tio­nen aus­set­zen, die für es unan­genehm sind. im Übri­gen has­se auch ich es, in einen Bus mit gefühlten 200 Schülern zu steigen, aber als Men­sch hat man manch­mal keine andere Wahl. LG Silke

  2. Ich betreibe seit 11 Jahren eine Hun­de­schule. Hat­te davor schon 5 Hunde, die ich auch ganz gut erzo­gen hat­te.
    KEINER der Hunde musste dadurch und so habe ich es auch seit mein­er Zeit, als Trainer­in gehal­ten.
    NEIN akzep­tieren aber lei­der wenige Men­schen.
    Mein klein­er Schroed­er ist weiß und süß.
    Er schnappt jedem in die Nase, der sich uner­laubt über ihn beugt.
    Bevor es so weit kommt habe ich schon gesagt, dass er schnappt.
    Och! der Kleine und man nimmt mich nicht ernst und ihn auch nicht. Wegz­er­ren will ich ihn auch nicht und es kommt wie es kom­men muss:
    er schnappt.
    Dann bin ich eine schlechte Hun­deerzieherin und der Kleine sollte gefäl­ligst einen Maulko­rb tra­gen.
    Ach wie dumm sind die Men­schen?
    Ich weiß auch nicht, woher dieses Bedürf­nis kommt, einen Hund anfassen zu wollen/müssen.
    Bitte den Artikel weit ver­bre­it­en.
    Vielle­icht erre­ichen wir ja auch die Unbelehrbaren.

  3. Ich bin da auch 100% dein­er Mei­n­ung. Meine Hunde wollen wed­er gestre­ichelt noch ange­fasst wer­den.
    Kinder­lärm ists ihnen eben­so ein Greuel wie viele Men­schen an einem Ort.
    Mir würde es niemals ein­fall­en meine Hunde mit zum Wei­h­nachts­markt zu nehmen, das gren­zt für mich an TierQuälerei, auch mir ist der Trubel auf solchen Märk­ten ein­fach zuviel.
    Wir gehen lieber in die Natur und genießen diese:):)
    Das Mot­to ” da müßen sie halt durch” kommt bei mir auch nur in Aus­nah­me­fällen vor. Zum Beispiel baden beim Flo­hbe­fall, Kör­p­er /FellPflege usw. Alles was ich für die Gesund­heit als wichtig erachte.

    Respekt und Achtung vor den Tieren muss ober­ste Pri­or­ität haben.

    Gabriele mit Mexx&Yuma

  4. Jepp, du sprichst mir aus der Seele. Es ist toll einen treuen Begleit­er zu haben, aber viel schön­er ist es, wenn man von den Aus­flü­gen gemein­sam was hat. Ich fand den Gedanken schon immer komisch meinen Hund mit zum Einkaufen, auf einen Flohmarkt oder Jahrmarkt zu nehmen. Eigentlich mag ich selb­st nicht mal zwis­chen vie­len Leuten durch laufen müssen und dann soll ich das meinem Hund antun?
    Nein, Aaron ken­nt zwar die Innen­stadt, aber halt zu nor­malen Zeit­en (wir wohnen ja in ein­er ruhi­gen Kle­in­stadt). Zu Ver­anstal­tun­gen habe ich ihn noch nicht mit genom­men und die Innen­stadt ken­nt er nur vom durch­laufen, bei ein­er Gas­si-Runde. Kein vorm Laden anbinden und bum­meln gehen. Shop­pen kann ich alleine 😉 und dann freue ich mich mehr, heim zu kom­men, wo mein entspan­nter und grad aus­geschlafen­er Hund auf mich wartet.
    liebe Grüße
    San­dra und Aaron

    1. Bevor ich nach Osnabrück gezo­gen bin, habe ich auch in ein­er Kle­in­stadt gelebt. Dort ist Queen auch schon mal mit in die Stadt gekom­men, wenn ich nur zur Bank oder Post musste. Aber ich habe sie auch nie mitgenom­men, wenn sie draußen hätte ange­bun­den wer­den müssen.
      Jet­zt in Osnabrück kommt sie gar nicht mehr mit. Püp­pi ken­nt die Stadt, weil wir son­ntags oder ganz früh mor­gen schon mal durchge­laufen sind, aber es kommt kein Hund mehr mit wenn ich Besorgun­gen machen muss. Dafür ist hier ein­fach zu viel los.
      Ich glaube auch, dass ein Hund auch mal alleine bleiben muss. Es hat doch jed­er Hund mehr davon als gestresst dabei sein zu müssen.

  5. Toller Beitrag.
    Ich glaube auch nicht das ein Hund da mal durch muss. Trotz­dem ist Kylar mit ins Out­let gegan­gen und hat sich entspan­nt abgelegt wenn es ans anpro­bieren ging. Oder war mit uns auf Mit­te­lal­ter­fes­ti­vals. Warum? Weil wir immer geschaut haben ob es ihm dabei gut geht und er so blöd es sich anhört solche Aus­flüge gerne mit gemacht hat. Wir haben immer darauf geachtet das er Raum zum gehen hat. Haben über­füllte Wege gemieden und den Tag immer so geplant das wir alle was davon hat­ten. So war ein Tag auf dem Fes­ti­val immer damit geknüpft das er im angren­zen­den See baden kon­nte und das wir danach in Heuballen kuschel­ten und für mich war ganz klar. Das wir laute Büh­nen mei­den. Hät­ten wir nur ein­mal gemerkt das er darauf keine Lust hat. Sog­ar Angst wären wir ein­fach wieder gegan­gen. Kuma ist da ein ander­er Schlag. Er ist nicht so selb­st­be­wusst wie Kylar und hat dann häu­fig Angst. Da denke ich jet­zt gar nicht darüber nach ob er mit kann. Denn er kann es nicht. Es ist zu viel für ihn. Aber kein­er mein­er Hunde musste je irgend­wo durch. Wenn er wollte durfte er. Kylar wollte und Kuma will es nicht und damit kann ich gut leben.

  6. Super! Shi­va muss auch gar nix, außer mal zu müssen. *grins*

    Nee, im Ernst. Ich habe viele Dinge mit ihr geübt, ich beobachte sie viel, wenn ich merke, dass sie in Stress gerät, dann guck ich, dass ich das Weite suche und einen Aus­gle­ich schaf­fen kann. Shi­va has­st Men­schen­men­gen, sie hat Panik vor Kindern, die mit dem Auf­schrei “Hundi­i­ii!” auf sie zustür­men und geht da auch sofort in Angriff über. Schon zu oft wurde sie unge­fragt ange­tascht, am Fell gezo­gen und was auch immer. Nein! Ich blocke auch von vorn­here­in gle­ich so ener­gisch ab, dass sie wie angewurzelt ste­hen bleiben.

    Ich hab mal im Wald eine Kinder­garten­gruppe getrof­fen, die dort Müll gesam­melt haben. Alle waren noch ordentlich in Reih und Glied auf dem Weg. Ich habe mich etwas vom Weg ent­fer­nt, Shi­va absitzen lassen und die Kinder vor­bei gehen lassen. Sie wech­selte von supergestresst, zu leicht anges­pan­nt, zu total entspan­nt, weil eben nichts passierte. Solche Übun­gen liebe ich. Die Kinder wären sich­er gerne zum Knud­deln gekom­men, aber ich habe gle­ich gerufen, dass sie Angst hat und daher auch beißt. So kam höch­stens ein Seit­en­blick und die Kom­mentare, dass sie sehr süß ist.

    Uns zieht es in die Ein­samkeit der Natur, dort kann sie Hund sein, sich aus­to­ben, wälzen und spie­len. Für Sozialkon­tak­te hat sie Hun­de­fre­unde und ich meine Fre­unde. Ich fall ja auch nicht jedem Wild­frem­den um den Hals, nur um Sozialkon­tak­te zu haben. Wenn ich in die Stadt gehe, bleibt sie daheim, wenn ich essen gehe, eben­falls. Geh ich im Urlaub in die Stadt oder zum Essen, regel ich es so, dass sie vorher ordentlich was getan hat und froh ist, mal ein paar Stun­den ihre Ruhe zu haben und pen­nt auf dem Bett.

    Flauschige Grüße
    San­dra & Shi­va

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