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Darf es auch etwas weniger sein?

Mon­tags und Sam­stags gehen wir zum Agility. Dien­stags abends tre­f­fen wir uns immer mit mehreren Hunde für eine gemein­same Runde. Mittwochs gehen wir zum Mantrail­ing und Don­ner­stags besuchen wir einen Apportier — Kurs. Fre­itags üben wir für die Beglei­thun­de­prü­fung. Son­ntags steht bei uns nichts auf dem Pro­gramm. Da gehen wir wan­dern. Auf unseren Spaziergän­gen üben wir Tricks und machen Suchspiele.”

Nicht wenig Hunde haben heutzu­tage einen der­ar­ti­gen “Stundenplan”.

In der heuti­gen Gesellschaft zählt nur eins: Leis­tung. Wer keine Leis­tung erbringt, bekommt keine Anerken­nung. Wer keine Erfolge erzielt, genießt keine Aufmerk­samkeit. Nicht sel­ten wird man über erbrachte Leis­tun­gen und Erfolge definiert.

Und dann wären da noch die vie­len neuen Trends, die man unbe­d­ingt als erstes aus­pro­bieren möchte. Cani­cross, Dog Danc­ing und vielle­icht noch Ral­lye Obe­di­ence. Und am besten noch alles auf einmal.

Ver­steht mich nicht falsch.

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Ich finde es abso­lut notwendig, dass wir unsere Hunde art­gerecht beschäfti­gen. Aber das entschei­dende Wort ist “artgerecht”.

Ich halte es nicht für art­gerecht, wenn der Hund fünf Sportarten in einer Woche absolvieren muss. Ich empfinde es nicht als art­gerecht, wenn jeden Tag etwas anderes auf dem Plan steht.

Und vor allem empfinde ich es nicht als art­gerecht, wenn der Men­sch nach eige­nen Wün­schen über die “Hob­bys” des eige­nen Hun­des entscheidet.

Hunde, die kör­per­lich beein­trächtigt sind, wer­den zum Agility geschleppt. Hunde, die über­haupt keinen Spaß an Nase­nar­beit haben, wer­den Sam­stags zum Mantrail­ing gebracht. Hunde, die im Som­mer am lieb­sten nur rum­liegen würde, müssen zum Longieren.

Warum?

Ist es “schick”, wenn der Hund möglichst viele Sportarten macht? Ist es “in”, dass der Hund jeden Tag Ter­mine hat und jeden Tag mehrere Stun­den “arbeiten” muss?

Dieser Beschäf­ti­gungswahn ist völ­lig über­zo­gen. Natür­lich müssen Hunde beschäftigt wer­den und sicher­lich wäre Mantrail­ing eine Möglichkeit. Aber es muss auch zum Hund passen. Nur weil der Men­sch Inter­esse an dieser Sportart hat, muss das noch lange nicht auf den Hund zutreffen.

Es sollte um den Hund gehen und nicht um erzielte Punkte oder gewonnene Pokale.

Hat der Hund kör­per­liche Beein­träch­ti­gun­gen, wäre vielle­icht Nase­nar­beit das richtige. Ist der Hund ein pures Energiebün­del, so hat er vielle­icht Freude am Agility.

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Hunde ruhen täglich zwis­chen 16 und 20 Stun­den. Dise Zeit ist enorm wichtig, damit der Hor­mon­haushalt des Hun­des im Gle­ichgewicht bleibt. Inter­es­sant ist auch, dass Rasse­hun­den häu­fig ein erhöhtes Beschäf­ti­gungs­bedürf­nis nachge­sagt wird. Dabei ruhen Rasse­hunde die meiste Zeit des Tages, wenn sie selb­st­bes­timmt leben dürfen.

Queen ist ein Schäfer­hund. Ein Arbeit­stier, wie man so schön sagt.

Doch auch sie muss nicht ständig beschäftigt wer­den. Oft werde ich gefragt, wie häu­fig ich in der Woche fährten gehen würde und wie sich Queen auf dem Hun­de­platz macht. Wir gehen nur sel­ten fährten und auf dem Hun­de­splatz sieht man uns nie. Selbst sog. Arbeit­shunde sind mit einer abwech­slungsre­ich gestal­teten Runde durch den Wald mit ein paar ver­steck­ten Fut­ter­brocken und einem gemein­samen Spiel völ­lig glück­lich. So oft sehe ich Men­schen mit Bor­der Col­lies oder Aus­tralian Shep­erds, die ihre Hunde maß­los über­fordern. Die sind mit sechs Monaten in der Lage die Beglei­thun­de­prü­fung abzule­gen und kön­nen 20 ver­schiede­nen Tricks. Ganz ehrlich: Muss das sein? Man fährt die Hunde auf ein Level, welches völ­lig unnatür­lich und nicht art­gerecht ist.

Püppi ist noch jung. Mit ihren fünf Monaten steckt sie voller Energie und Bewegungsdrang.

Würde ich dem nachgeben, würde ihr Hor­mon­haushalt völ­lig aus dem Gle­ichgewicht ger­aten. Sie wäre reizbar und unaus­geglichen, weil ihr erhe­blich viel Schlaf fehlen würde. Manch­mal muss man die Hunde eben auch zur Ruhe zwingen.

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Bei uns sieht der All­tag so aus:

Wir gehen früh mor­gens eine kleine Runde von ca. 25 — 30 Minuten, damit sich die Hunde lösen kön­nen. Auf dieser Runde passiert rein gar nichts. Über den Tag verteilt gehen wir ca. alle vier Stun­den raus. Diese Run­den fallen dann in der Regel etwas länger aus. Ein­mal täglich machen wir auf einer dieser Run­den für ca. 10 Minuten Nase­nar­beit. Das sieht meist so aus, dass ich Leck­erlis ver­stecke oder zwis­chen­durch ins hohe Gras werfe. Queen macht ein­mal täglich einige Tricks. Dies hat zwei prak­tis­che Gründe. Zum einen stärkt das ihr Selb­st­be­wusst­sein. Zum anderen han­delt es sich dabei um Übun­gen, mit denen wir die Musku­latur trainieren können.

Püppi geht ein­mal pro Woche in den Junghun­dekurs. Queen belegt zwis­chen­durch Kurse wie “Suchen im Trüm­mer­feld” oder “Suchen kleiner Gegen­stände” bei Rütter’S D.O.G.S. Je nach­dem was zur Zeit ange­boten wird und je nach­dem, was ihr Spaß macht.

Das war es auch schon.

Zwis­chen­durch übe ich den Rück­ruf mit Püppi und wenn sich Zeit ergibt, dann üben wir das Apportieren oder ich bringe ihr kleine Tricks bei. Das mache ich aber nicht täglich und schon gar nicht, weil ich das beson­ders niedlich finde oder weil ich sie zu einem Roboter aus­bilden will. Püppi hat ein­fach Spaß an der Sache und ich kann sie mit Kop­far­beit sehr gut auslasten.

Die kom­plette Erziehung von Püppi lief “neben­bei”. Ich bin kein Hun­de­men­sch, der sich auf den Hun­de­platz stellt oder gezielt die Leinen­führigkeit trainiert. Da habe weder ich noch meine Hunde Lust zu. Bei uns ergibt sich die Erziehung im All­tag. Das war schon bei Queen so. Klar dauert es dann vielle­icht etwas länger, aber es passiert ohne Druck und in der Regel auch mit mehr Freude (zumin­d­est empfinden wir das so). Püppi ist 5 Monate alt. Sie kann Sitz, Platz, Bleib und Tabu. Sie ist zu 90% abruf­bar und kann schon ganz gut apportieren. Und all das hat sie zwis­chen­durch im All­tag gelernt.

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Sobald Püppi alt genug ist, werde ich mit ihr zum Agility fahren. Wenn es ihr Spaß macht, wäre das ein super Hobby für uns. Wenn sie es blöd findet, lassen wir es und schauen, ob sie andere Sportarten cool findet.

Ob man nun auf den Hun­de­platz geht, muss jeder selbst entschei­den. Ob man mit seinem Hund Sport machen möchte, ist eben­falls jedem selbst überlassen.

Solange man eines nicht ver­gisst: die Bedürfnisse des Hundes.

Die Grenze ist dann erre­icht, wenn der Hund keine Freude mehr bei “seinem Hobby” empfindet. Die Grenze ist auch dann erre­icht, wenn täglich etwas anderes auf dem Plan steht.

Immer öfter beobachte ich, wie sich Hunde dem Men­schen anpassen müssen. Das fängt schon bei einem Spazier­gang an. Dabei gehen wir doch für unseren Hund raus. Warum ver­hal­ten wir uns dann nicht so? Die Men­schen laufen schnellen Schrittes die Strecke ab, dabei wäre es viel art­gerechter, wesentlich langsamer zu laufen.

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Habt ihr euren Hund schon mal den Weg bes­tim­men lassen?

Ich habe das Exper­i­ment vor Kurzem gemacht. Queen ging immer in das gle­iche Gebiet. Mal ging sie links herum, mal rechts. Mal erst in den Wald, mal erst auf die Wiese. Es han­delte sich immer um das gle­ich “Revier”, doch sie ging unter­schiedliche Strecken inner­halb dieses Gebi­etes und vor allem ging sie viel langsamer als ich dachte. Sie schnüf­felte aus­giebig und blieb manch­mal ein­fach nur ste­hen und beobachtete einen Vogel.

Hunde sind auch glück­lich, wenn sie ein­fach mal durch den Wald streifen dür­fen. Ein­fach mal über­all schnüf­feln kön­nen, wo sie möchten. Ein paar Kekse zusam­men mit seinem Zweibeiner suchen oder gemein­sam über die Wiese toben.

Bei all den Beschäf­ti­gungsmöglichkeiten dür­fen wir eines nicht aus den Augen ver­lier­ren: die Bedürfnisse unserer Hunde

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10 thoughts on “Darf es auch etwas weniger sein?

  1. Danke für diesen wun­der­baren Artikel. Klar gibt es Hun­debe­sitzer, die zu wenig machen. Aber bei eini­gen Leuten denke ich auch: Muss das sein? Und diese Hunde sind dann eben­falls unentspannt, weil sie nie zur Ruhe kom­men. LG, Melanie
    P.S: Die Fotos sind wieder zum Knutschen!

    1. Ich sehe auch immer wieder Hunde, die unter diesem Beschäf­ti­gungswahn lei­den. Völ­lig über­dreht und haben richtig Prob­leme zur Ruhe zu kommen…

  2. Ich denke bei dem Thema soll­ten sich manche Hun­de­hal­ter fra­gen, wessen Hobby es denn eigentlich ist. Das des Hun­des oder das des Menschen.

  3. Toller Artikel! Deinen Ansichten kann ich da voll zustimmen 🙂
    Du schreibst von Übun­gen für Queen, mit denen ihr die Musku­latur trainiert. Was speziell macht ihr denn da oder hat­test du hierzu schon mal einen Beitrag verfasst?

    Viele Grüße

    1. Ich habe noch keinen Beitrag dazu ver­fasst. Ich mache Übun­gen wie Slam­lom laufen, rück­wärts laufen oder zum Beispiel Pfote geben. Das klingt alles nach Kleinigkeiten, aber bei regelmäßiger Anwen­dun­gen stärt das die Musku­latur und den Gleichgewichtssinn

  4. Hallo ihr 3!

    Wieder ein­mal triffst du den Nagel auf den Kopf.
    Unterbeschäf­ti­gung ist genauso doof wie Überbeschäf­ti­gung. Mein Fräulein liebt es mit mir zu spie­len. Also spie­len wir. Sie bringt mir bei jeder Gele­gen­heit ein Zergel oder einen Ball an.
    Wir machen zwar am Sam­stag auch manch­mal eine Runde Agi mit, aber das ist eher so just-for-fun ohne Zwang, ohne Tempo, ohne beson­dere Ansprüche. Da hat sie dann einen riesen­großen Spaß daran.
    Mittwochs ist Rally Obe­di­ence und Fre­itags Longieren an der Reihe. An den anderen Tagen hat sie “frei”. Wenn es uns reißt, machen wir Trick­Dog­ging im Garten oder auf Spaziergän­gen, aber das ist immer eine Lust und Laune Entscheidung.
    Ich lass auch Train­ings ohne große Bedenken aus­fallen, wenn wir nicht auf der Höhe sind.
    Flauschige Grüße
    San­dra & das sehr zufriedene Wuschelmädchen

  5. Die Dosis macht das Gift — auch in Sachen Beschäf­ti­gung. Den Spa­gat zwis­chen Unter– und Über­forderung zu finden ist nicht immer leicht, aber wichtig. 

    Lieb­ste Grüße
    Dani mit Inuki und Skadi

  6. Wenn doch alle Hunde “ein­fach mal Hund sein dürften”.

    unsere bei­den finden es toll im Garten rumzus­treifen, Blu­men zu schnüf­feln, Löcher zu graben oder nur im Sand­kas­ten zu liegen! Oft geht es nur ein­mal in der Woche zum Toben mit anderen in den Wald… Viele “Kleinigkeiten” haben unsere zu Hause gelernt! 

    Klar gibt es auch mal Action: schwim­men finden beide toll, trotz­dem gibt es das nicht täglich! Trotz­dem sind sie — glaube ich — glücklich!

  7. Danke für den guten Artikel.
    Jeder Hun­debe­sitzer sollte ler­nen, die Bedürfnisse seines Hun­des gut einzuschätzen. Er muss erken­nen kön­nen, wann sein Hund über– oder unter­fordert ist.
    Lg Lena

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