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Das Geschirr — ein Lifestyle Accessoire oder notwendiger Begleiter?

Bevor Queen bei mir ein­zog lebte ich zehn Jahre lang “hun­de­los”. Als ich 15 Jahre alt war ist mein West­high­land — Ter­rier DJ ver­stor­ben. Ich habe also einige Jahre ver­passt, in denen ein­gies passiert ist. Plöt­zlich war die Rede von getrei­de­freier Ernährung und es gab den berühmten Kong in jedem Tier­markt. Hun­dekissen wur­den beque­mer und Tiefkühltruhen schlichen sich unter die Regale mit einer riesi­gen Auswahl Leckerlis.

Unter anderem gab es plöt­zlich über­all Hunde, die an Geschirren geführt wur­den. Die Regale hin­gen voll mit Geschirren in jeder Farbe und jedem Mate­r­ial. Ich staunte nicht schlecht, als der erste Dackel mit einem K9 Geschirr um die Ecke bog — geschmückt mit einem Klett — But­ton “Kampfschmuser”.

Wie ich halt so bin, habe ich natür­lich auch ein Geschirr gekauft. Auch Queen besitzt ein K9 Geschirr mit dem But­ton “Ich darf alles” sowie “Wun­schkind” und “Prinzessin”. Und wie das Leben so spielt, haben wir uns extra But­ton anfer­ti­gen lassen mit ihrem Namen und einem Schäfer­hund verziert.

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Die Ver­wen­dung eines Brust­geschirrs soll gesün­der sein als der Gebrauch eines Halsbandes.

Der Vorteil liegt dabei vor allem darin, dass der Kehlkopf, die Haswirbel­säule und die Luftröhre ent­lastet wer­den und sich der Druck auf den Brustkorb verteilen würde.

Doch ist das alles? Kann man als moderner und aufgeklärter Hundehalter nicht mehr ruhigen Gewissens ein Halsband verwenden?

Natür­lich hat Queen auch ein Geschirr. Das neulich erst gekaufte Brust­geschirr hat uns nicht wirk­lich aus den Socken gehauen. Ich habe es nicht extra anfer­ti­gen lassen, son­dern “von der Stange” gekauft. Lei­der sitzt es nicht so gut und wack­elt von links nach rechts. Auch im vorderen Bere­ich scheint zu viel Druck auf den Schul­terblät­tern zu lasten.

Mit einem schlecht sitzen­den Geschirr kann man mehr kaputt machen als man Gutes tut”

Dieser Satz fiel in einem Gespräch mit unseren Tier­arzt und will nicht aus meinem Kopf her­aus. Also fand das Brust­geschirr erst ein­mal seinen Platz an der Garder­obe. Wir brauchen das Geschirr eigentlich nur, wenn wir Rad fahren, beim Muske­lauf­bau­train­ing und wenn wir in Naturschutzge­bi­eten die Flexi — Leine benutzen. Und bevor ich irgen­deinen Schaden anrichte, benutze ich lieber das Nor­wegergeschirr von Hunter oder das von K9. Das Brust­geschirr wird wohl bei näch­ster Gele­gen­heit dem Tier­heim gespendet…

Doch was steckt nun dahinter? Kann ich meinen Hund nicht mehr ruhigen Gewissens an einem Halsband führen?

Ursprünglich diente das Hun­degeschirr den Gebrauchs­hun­den. Nicht mit dem Gedanken, dass sie weniger ziehen, son­dern mit dem Ziel, dass sie etwas ziehen kön­nen. Schlit­ten­hun­den, Ret­tungs– und Such­hun­den wurde ein Geschirr umgelegt, um ihnen den Arbeit­sall­tag zu erle­ichtern. Ein Hals­band würde hier zu gravieren­den kör­per­lichen Schä­den führen. Das ist abso­lut einleuchtend.

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Doch was ist mit unserem alltäglichem Spazier­gang. Soll­ten Hunde auch ein Geschirr tra­gen, wenn wir zum näch­st­gele­ge­nen Wald­stück laufen oder um das Feld gehen?

Tra­gen wir mal die Nachteile eines Geschirrs zusammen:

Ersetzt man das Hals­band durch ein Geschirr so schwächt sich der Druck ab, den der Hund am Hals spüren würde, wenn er zieht. Statt also seinem Hund beizubrin­gen, entspannt an der Leine zu laufen, kapit­ulieren nicht wenig Hun­debe­sitzer und kaufen ein Geschirr. Das Gewis­sen ist beruhigt, denn ein Geschirr ist ja gesün­der als ein Hals­band. Man kann sich also wild von seinem Vier­beiner durch die Gegend ziehen lassen, ohne ein schlechtes Gefühl im Bauch zu haben. Oder vielle­icht doch nicht? Zwar wird der Hals ent­lastet, dafür ist aber der Rück­en­bere­ich nicht mehr opti­mal und es kann zu ein­seit­i­gen Belas­tun­gen führen.

Ich bin mir sicher, dass jeder Hund ler­nen kann, an der Leine zu laufen. Ich hab selbst schon oft erfahren müssen, wie lange ein adäquates Train­ing braucht, aber es ist in jedem Fall zu schaffen.

Manch­mal müssen unsere Hunde aus Sit­u­a­tio­nen her­aus­ge­holt wer­den. Das funk­tion­iert ein­facher, wenn die Leine an einem Hals­band befes­tigt ist. Bere­its kle­in­ste Bewe­gun­gen im Handge­lenk — und ich spreche hier natür­lich nicht von Leinen­druck — kön­nen so vom Hund wahrgenom­men wer­den. Ist die Leine an einem Geschirr befes­tigt, kommt das Leinensignal wenn über­haupt, nur abgeschwächt beim Hund an, sodass einem nur noch die Sprache bleibt, um die Aufmerk­samkeit des Hun­des zu gewinnen.

Der in meinen Augen größte Nachteil besteht oft in der Beschaf­fen­heit eines Geschirrs. Einige Geschirre haben bre­ite Riemen, die inen Teil des Kör­pers bedecken. Hier­durch wird jedoch die Kör­per­sprache stark eingschränkt, weil zum Beispiel eine aufgestellt Bürste nicht mehr wahrgenom­men wer­den kann.

Ein Geschirr schwächt also ab, aber es ersetzt noch lange keine Erziehung.

Unverzicht­bar erscheint es in Verbindung mit einer Flexi — Leine, weil hier ein­fach das Ver­let­zungsrisiko zu groß wäre, wenn diese Leine an einem Hals­band befes­tigt würde. Auch im Hun­de­sport ist das Geschirr kaum wegzudenken.

Auch Hunde mit kör­per­lichen Beein­träch­ti­gun­gen soll­ten unter Umstän­den an einem Geschirr geführt wer­den. Ob ein Geschirr inner­halb der Welpen­erziehung benutzt wer­den sollte, halte ich für fraglich. Oft wird dieses ledg­ilich zum Freifahrtschein für Leinen­zieher. Zudem kann es dem Welpen völ­lig falsche Ein­drücke ver­mit­teln. Spie­len zum Beispiel zwei Welpen miteinan­der, die beide ein Geschirr tra­gen und beißt der eine Welpe dem anderen Hund dort hinein, wird dieser keinen Schmerz spüren und weiter ren­nen. Der andere Welpe hat aber die Infor­ma­tion abge­spe­ichert, fest zubeißen zu kön­nen, ohne dass der anderen Hund Schmerzen empfindet.

Es sollte doch in erster Linie darum gehen, dass dem Hund das Ziehen an der Leine abgewöhnt wird und nicht darum, wie man den Druck am besten auf den Kör­per verteilt.

Ein Geschirr ersetzt keine Erziehung.
Es ist hilfreich und notwendig in vielen Lebenssituationen und manchmal sieht es auch einfach nur schick aus.
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2 thoughts on “Das Geschirr — ein Lifestyle Accessoire oder notwendiger Begleiter?

  1. Ich habe bei mir per­sön­lich fest­gestellt, dass Genki beim Tra­gen vom Hals­band in abso­lut kein­ster Weise empfänglicher ist, weniger zieht, auf Hand­be­we­gun­gen — oder sogar auf Leinen­druck, mit dem wir auch gear­beitet haben, nach­dem alle anderen Meth­ode ver­sagt hat­ten, reagiert.
    Für mich sind Hals­bän­der gut geeignet für Hunde, die leinen­führig sind, für alle anderen nicht. Von der Annahme dass jeder Hund die Leinen­führigkeit erler­nen kann, dis­tanziere ich mich inzwis­chen. Lange habe ich das ganze, obwohl ich mit allen Meth­o­den gear­beitet hatte, auf mein per­sön­liches Ver­sagen zugeschoben. “Ich bin nicht kon­se­quent genug”, “Ich mache das nicht lange genug”, “Ich wende die Meth­ode sicher­lich irgend­wie falsch an” habe ich mir selbst ein­gere­det (bzw. von anderen Leuten einre­den lassen) — Schließlich bekommt man ja über­all gesagt jeder Hund könne das ler­nen. Wenn meiner es also nicht lernt, dann liegt es sicher an mir, oder? Seit ich einen zweiten Hund habe und einen Ver­gle­ich habe, sage ich aber ganz entsch­ieden “Nein!”. Auch Momo ist eine Zieherin, aber bei ihr sind die Voraus­set­zun­gen da um es ihr anders beib­rin­gen zu kön­nen. Es gibt zumin­d­est kurz die Phasen, wenn auch wenige Meter lang, an denen sie mit lock­erer Leine läuft — damit kön­nte man arbeiten. Sie in diesen Phasen belohnen, ste­hen bleiben oder die Rich­tung wech­seln, wenn sie zieht, weiter gehen wenn sie nicht zieht oder andere Meth­o­den anwen­den. Wenn es aber wie bei Genki diese Phasen schlichtweg nicht gibt — Nie, auch nicht für einen Meter Weg — dann kann man da nicht mit arbeiten. Und jetzt wer­den sicher Leute anderer Mei­n­ung sein und sich immer­noch sicher sein, dass es bes­timmt nur an mir liegt und dass Genki es doch ler­nen kön­nte — Egal wie das nun let­z­tendlich ist, ob es an mir oder an ihm liegt — “Wir” schaf­fen es auf jeden Fall nicht. Und deshalb kommt bei uns auch nur ein Geschirr in Frage. Ein schlecht siz­ten­des Geschirr — und dazu auch noch ein hartes K9 Sat­telgeschirr, das schlimm­st­mögliche Geschirr über­haupt — käme bei mir nicht in Frage, damit schadet man dem Hund mehr als man mit einem Hals­band selbst bei einem ziehen­den Hund je kön­nte. Aber ein gut angepasstest Geschirr, dass locker (oder im falle von Y-Führgeschirren sogar gar­nicht) auf den Schul­terblät­tern sitzt, ist für einen ziehen­den Hund natür­lich besser als ein Halsband.
    Ganz toll für dieses Thema finde ich diesen Artikel: http://www.freundschaft-hund.com/tipp_geschirr.php Da gibt es auch unter Punkt 5 einen super Link, der ver­schiedene Geschirrarten ver­gle­icht und zeigt wie sie sich auf den Bewe­gungsaparat des Hun­des auswirken.

    1. Die Frage nach einem Geschirr oder einem Hals­band muss jeder für sich selbst beantworten.
      Es gibt sicher Fälle, in denen ein Geschirr mehr Sinn macht.
      Man sollte nur von der Illu­sion Abstand nehmen, dass mit einem Geschirr alles gut sei, wenn er Hund zieht. Egal aus welchen Grün­den ein Hund an der Leine zieht, das wirkt sich immer auf den Bewe­gungsap­pa­rats aus, ob Geschirr oder Hals­band. Es geht nur darum, wie man den Schaden möglichst ger­ing hält.
      Daher gib nie auf, vielle­icht schafft ihr es ja doch irgendwann…

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