Der böse Rottweiler und die arme Omi — oder: Grenzen der Tierhalterhaftung

Vor unge­fähr einem Monat hat das Landgericht Osnabrück ein Urteil zum The­ma Tier­hal­ter­haf­tung gesprochen, welch­es ich euch auf keinen Fall voren­thal­ten will. Nicht nur, weil das Urteil und dem­nach auch der Fall aus dieser Stadt stammt, son­dern auch, weil es die Gren­zen der Tier­hal­ter­haf­tung aufzeigt. Außer­dem geht es um einen Rot­tweil­er, bei dem mit großer Wahrschein­lichkeit die Zuge­hörigkeit zu dieser Rasse einen Teil dazu beitrug, dass ein zunächst nor­maler Spazier­gang vor Gericht endete. Der böse böse Rot­tweil­er…

Der Fall

Im Som­mer 2016 ging eine ältere Dame mit ihrem Ter­ri­er spazieren. Plöt­zlich sei der Hund des Beklagten — ein Rot­tweil­er — auf sie zugekom­men und habe sie ange­sprun­gen. Dadurch sei die Dame zu Fall gekom­men und erhe­blich ver­let­zt wor­den.

Der Beklagte selb­st war bei diesem Vor­fall nicht anwe­send. Eine Bekan­nte des Beklagten führte an dem stre­it­ge­gen­ständlichen Tag den Hund aus. Den Vor­fall schilderte sie jedoch etwas anders: Tat­säch­lich sei der Rot­tweil­er auf die Klägerin zuge­laufen. Diese habe daraufhin ihren Ter­ri­er auf den Arm genom­men. Der Rot­tweil­er habe die Klägerin jedoch nicht ange­sprun­gen, son­dern sei zu einem nahegele­ge­nen Baum gelaufen und habe dort “sein Geschäft” ver­richtet. Die Zeu­g­in, die den Rot­tweile aus­führte, sei direkt zu dem Hund gelaufen, habe ihn angeleint und wollte ihren Gang fort­set­zen. In diesem Moment habe die Klägerin ihren Hund wieder abge­set­zt. Dieser sei mehrfach um die Klägerin herumge­laufen, sodass sich diese in der Hun­deleine ver­wick­elt habe und dadurch zu Fall gekom­men sei.

Die Entscheidung

Das Landgericht Osnabrück wies zu Recht die Klage ab. Sie glaubten der Zeu­g­in, die den Rot­tweil­er betreute, und ihren Sachver­haltss­childerun­gen. Auf dieser Grund­lage ergebe sich keine Haf­tung des Beklagten als Hal­ter des Rot­tweil­ers.

Grund­sät­zlich haftet ein Tier­hal­ter immer dann, wenn es durch das Ver­hal­ten seines Tieres zu ein­er Ver­let­zung Drit­ter gekom­men ist. Dieser Fall fällt jedoch nicht in diese Kat­e­gorie.

Die bloße Anwesenheit des Rottweilers reicht nämlich nicht aus, um eine Haftung gegenüber der klagenden älteren Dame zu begründen.

Diese ist unmit­tel­bar durch ihren eige­nen Hund und dessen Leine zu Fall gekom­men. Um eine Haf­tung des Beklagten annehmen zu kön­nen, müsse jedoch zumin­d­est fest­stell­bar sein, dass der Rot­tweil­er den Ter­ri­er dazu ver­an­lasst hat, um sein Frauchen herumzu­laufen. Dies war jedoch nicht der Fall.

Ich kann es ein­fach nicht lassen. Ich muss meinen Senf zu diesem Fall dazugeben 😀

Vor­ab möchte ich aber noch eine Geschichte erzählen, die mir vor weni­gen Tagen passiert ist. Ich lief mit Queen und Püp­pi über eine Wiese. Bei­de waren mit der Suche nach Mäuselöch­ern schw­er beschäftigt. Plöt­zlich hörte ich eine ziem­lich helle aufgeregte und nahezu verzweifelte Stimme “Leinen Sie doch Ihre Hunde an.” Ich bin ganz ehrlich: Wo keine Leinenpflicht und für Queen & Püp­pi keine Gefahr beste­ht, laufen die bei­den grund­sät­zlich ohne Leine, solange wir dadurch nie­man­den stören und uns kein ander­er Hund begeg­net. Ich drehte mich um, um her­aus­find­en zu kön­nen, woher die Stimme kam. Ich kon­nte nie­man­den sehen. Noch ein­mal ertönte die mit­tler­weile wütende Pipsstimme “Nun machen Sie schon.” Wir standen wirk­lich mit­ten auf ein­er Wiese und ich kon­nte um uns herum nie­man­den sehen. “Wo sind Sie über­haupt?” rief ich laut zurück. “Hier” kam aus einem Busch begleit­et von ein­er Hand die oben her­aus­ragte. Ich kon­nte auf­grund der Ent­fer­nung kaum etwas erken­nen, doch so langsam fol­gte der Hand auch der Rest des Kör­pers und eine ältere Dame mit ihrem kleinen Hund auf dem Arm schaute oben aus dem Gebüsch — min­destens 25 Meter ent­fer­nt. Wir waren so weit von der Dame ent­fer­nt, dass ich nicht ein­mal erken­nen kon­nte, was für einen Hund sie auf dem Arm hielt. Zwis­chen uns und ihr lagen so viele Meter und dazu noch ein richtig tiefer Graben. Ich wusste, dass es keinen Sinn hat­te, darauf einzuge­hen und so sagte ich “Wir wer­den weit­er gehen” und steifelte mit Queen & Püp­pi davon.

Diese Sit­u­a­tion ist nur eine von vie­len. Viele Hun­de­hal­ter — und oft ältere Damen — reagieren nahezu panisch, wenn sie “poten­tielle gefährliche Rassen”. Ob Schäfer­hund, Dober­mann und wie in dem oben geschilderten Fall Rot­tweil­er — es ist ein­fach immer wieder so, dass Men­schen panisch wer­den und ein Fehlver­hal­ten bei dem “gefährlichen Tier” suchen.

Es ist das typ­is­che, wenn nicht größte Prob­lem: viele Hun­de­hal­ter sind ein­fach nicht in der Lage, die Kör­per­sprache eines Hun­des zu deuten. Immer und immer wieder führt dieses Unwis­sen zu erhe­blichen Missver­ständ­nis­sen und Prob­le­men und lan­det let­z­tendlich vor Gericht.

Wenn man sich doch nur ein wenig mit der Sprache unser­er Hunde auseinan­der­set­zen würde, kön­nte so viel Neg­a­tives ver­hin­dert wer­den. Aber wie heißt es oft so schön “Ich habe schon immer Hunde gehabt. Ich weiß, was ich tue.”

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4 thoughts on “Der böse Rottweiler und die arme Omi — oder: Grenzen der Tierhalterhaftung

  1. Das ist ja total lustig! Dabei bege­hen let­z­tendlich die Men­schen den Fehler, die ihren Hund auf den Arm nehmen! Ich wün­sche mir auch, dass Leute Hunde lesen ler­nen!

  2. Ein sehr inter­es­san­ter Artikel! Pos­i­tiv finde ich auf jeden Fall, dass das Gericht die Klage (zurecht) abgewiesen hat! Alles andere wäre wirk­lich fahrläs­sig gewe­sen.

    Deine Geschichte kommt mir ja sehr bekan­nt vor, wobei ich auch immer wieder das Gefühl habe, dass selb­st Hunde, die angeleint sind, Panik bei eini­gen Men­schen aus­lösen. Ich selb­st habe zwei Bea­gle, die auf­grund des extremen Jagdtriebs draußen immer an der Leine sind. Teil­weise habe ich aber auch hier das Gefühl, dass die Leute Angst haben, weil ich die Hunde an der Leine führe (da wird der eigene Hund bere­its auf 100 Meter Ent­fer­nung wirk­lich „panisch“ hergerufen und an die Leine genom­men). Manch­mal denke ich auch, wie man es macht, macht man es falsch – ob nun angeleint oder nicht, spielt schein­bar kaum eine Rolle.

    Ich denke auch, dass mit etwas mehr Ver­ständ­nis auf allen Ebe­nen, so einige Prob­leme, Unklarheit­en und Unsicher­heit­en weg­fall­en – oder sich zumin­d­est reduzieren wür­den.

    Liebe Grüße
    Regi­na

  3. Puh, wie gemein der Vor­wurf der älteren Dame. Zum Glück hat das Gericht den Fall objek­tiv betra­chtet und die Klage abgewiesen. Der Hund ste­ht immer so schnell in der Schuld und das Gegen­teil und die Wahrheit zu beweisen ist manch­mal echt schwierig.

    Aber es stimmt. Die meis­ten Hun­de­hal­ter kön­nen die Hun­de­sprache echt nicht lesen. Wed­er die vom eige­nen noch vom anderen Hund. Wenn ein Zwerg­pin­sch­er hochaufgerichtet und steif da ste­ht und Shi­va ankläfft, dann ist das nicht spie­len oder Unsicher­heit… Nein, das ist hochag­gres­siv. Shi­va macht sich klein und klemmt den Schwanz, aber wenn sie zurück bellt, dann ist sie der aggres­sive Hund. Ich weiche mit­tler­weile beina­he allen anderen Hun­den aus, weil es so frus­tri­erend ist.

    Liebe Grüße
    San­dra & Shi­va

  4. Wenn mich andere Hun­de­hal­ter ums Anleinen bit­ten, denke ich mir immer, die wer­den schon ihre Gründe haben. Vielle­icht ist deren Hund ja unverträglich. Manch­mal geht es auch nur darum, dass sie schlechte Erfahrun­gen mit der Rasse meines Hun­des gemacht haben. Kratzt mich nicht, ich leine dann ein­fach an. Begeg­nun­gen mit angelein­ten Hun­den mag ich sowieso nicht, weil das leichter in Frust umschla­gen kann als im Freilauf. Und auch ohne Leine: Wie willst du vorherse­hen, ob dein Hund von einem anfangs fre­undlich wirk­enden Hund nicht gebis­sen wird, weil die Stim­mung plöt­zlich umschlägt?

    Beispiel: Gle­ich­große Hündin trifft auf meine Hündin. Bei­de gehen zunächst fröh­lich wedel­nd aufeinan­der zu. Bei­de ohne Bürste, völ­lig har­monisch, alles super. Plöt­zlich weicht die andere aus (fühlte sich wohl bedrängt) und schnappt blitzschnell zu – Loch im Ohr.

    Auch wenn man seinen eige­nen Hund in- und auswendig ken­nt, heißt das noch lange nicht, dass man jeden anderen Hund zuver­läs­sig ein­schätzen kann.

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