Allgemein, Erziehung

Der perfekte Hund

Ich bin ein Per­fek­tion­ist. Da gibt es nichts zu beschöni­gen und nichts hinzuzfü­gen. “Gut” ist nicht gut genug und “aus­re­ichend” ist nicht zufrieden­stel­lend. Ich habe Anforderun­gen an mich selb­st, denen ich niemals entsprechen kann. Warum das so ist? Ich habe keine Ahnung! Es gibt Psy­cholo­gen, die behaupten, es läge an den unzäh­li­gen Möglichkeit­en, die einem heutzu­tage zur Ver­fü­gung ste­hen. Egal, welchen der vie­len Wege man ein­schlägt, man möchte alles per­fekt machen…

Macht mich das zu einem schlecht­en Men­schen? Vielle­icht.
Macht es mich zu einem schlecht­en Hun­de­hal­ter? Bes­timmt.

Ich hat­te das große Glück mit Hun­den aufzuwach­sen. Mein Herz schlug schon immer für den besten Fre­und des Men­schen. Und auch hier wurde meine anfängliche Begeis­ter­tung zur Obses­sion. Ich habe unzäh­lige Büch­er gele­sen und mich immer wieder für neue Erziehungsmeth­o­d­en inter­essiert. Alle Infor­ma­tio­nen rund um den Hund habe ich aufge­saugt wie ein Schwamm.

Bevor Queen zu mir kam, habe ich mir unfass­bar viele Gedanken gemacht. Ich hat­te Vorsätze, Pläne und Wün­sche. Hat­te genaue Vorstel­lun­gen davon, wie mein Hund sein sollte und wie nicht. Ich habe mir Grun­dregeln über­legt und Meth­o­d­en, wie ich sie erziehen kön­nte. Eine ganze Liste habe ich erstellt mit Aktiv­itäten und Beschäf­ti­gungsmöglichkeit­en. Wenn ich auf die Zeit zurück­blicke muss ich fest­stellen, dass es wochen­lang kein anderes The­ma für mich gab.

Und dann kam sie. Dieses kleine Fel­lknäul, welch­es all diese Regeln, Kom­man­dos und Tricks ler­nen sollte. Der perefek­te Hund an mein­er Seite…

QueenHeide

Ich würde jet­zt gerne die Worte schreiben, wie schnell ich all diese Gedanken über den Haufen gewor­fen habe, aber das wäre gel­o­gen. Ich kann mich noch an einige Tage erin­nern, an denen ich verzweifelt ver­sucht habe, Queen das Bring­holz schmack­haft zu machen. An die Zeit, in der ich nicht akzep­tieren wollte, dass Queen nicht aus dem Napf fressen möchte. Zwang habe ich nie angewen­det. Zwang gehört nicht in die Erziehung eines Hun­des und das würde ich auch nie übers Herz brin­gen. Und genau das führte mich zu der Erken­nt­nis, dass eben nichts per­fekt ist und nichts per­fekt sein muss. Ob diese Erken­nt­nis zu spät kam? Vielle­icht. Vielle­icht habe ich Queen gen­ervt oder verun­sichert, indem ich ihr den vollen Fress­napf nach 10 Minuten weggenom­men habe. Vielle­icht hab ich Queen auch damit bestraft, indem ich ihre Bälle ver­steckt habe, damit ihr nur das Bring­holz bleibt. Und wenn ich so darüber nach­denke, dann bricht es mir das Herz. Ich habe mein eigenes Streben nach Per­fek­tion­is­mus über die Bedürfnisse meines Hun­des gestellt.

Es gab keinen Moment, in dem es Klick gemacht hat. Was es aber gab, waren unfass­bar viele Momente, in denen Queen mir gezeigt hat, dass nichts per­fekt sein muss. Sie hat das Bring­holz ignori­ert, ist aber zu mir ger­an­nt und hab mich zum­Spie­len aufge­fordert. Sie hat ihren vollen Napf ste­hen gelassen und hat sich stattdessen zu mir gekuschelt. Das Bedürf­nis nach Per­fek­tion rück­te immer mehr und in den Hin­ter­grund bis es schließlich voll­ständig ver­schwand.

Es muss nicht jeden Tag “per­fekt” alles per­fekt sein. Ich muss mein Exa­m­en nicht “per­fekt” machen, um dann ein “per­fek­ter” Jurist in seinem ein­samen Büro zu sein. Wie befreiend eine solche Erken­nt­nis doch sein kann…

Ich bin nicht per­fekt und kann es niemals sein.
Und Queen ist es auch nicht und sie soll es auch niemals sein.

Queen und ich haben auch unsere Baustellen und dies ist der erste Moment, in dem ich offen darüber rede.

Queen lässt sich nicht von Frem­den anfassen und braucht wahnsin­nig lange, bis sie frei­willig zu einem anderen Men­schen geht. Sie ist nicht agres­siv, sie will ein­fach nur weg, wenn jemand Fremdes auf sie zukommt. Und heute kann ich völ­lig stolz sagen: das ist auch in Ord­nung so. Mein Hund ist scheu und ich werde sie niemals dazu zwin­gen, sich von jeman­dem stre­icheln zu lassen. Warum auch?

Queen zeigt “dom­i­nantes” Ver­hal­ten gegenüber den meis­ten anderen Hun­den. Unterord­nen gegenüber Artgenossen fällt ihr schw­er und sie ver­sucht es zu ver­mei­den. Ich habe mit eini­gen Hun­de­train­ern gesprochen und ihnen Queens Ver­hal­ten gezeigt. Alle haben mir gesagt, dass das Ver­hal­ten harm­los sei. Manche haben es noch nicht ein­mal als dom­i­nant beze­ich­net. Ich lasse sie ein­fach sein wie sie ist. Ich bin viel entspan­nter gewor­den und Queen auch.

Queen hat ein Prob­lem mit laut­en und schreien­den Kindern. Wird es laut, will sie weg. Soll ich jet­zt jeden Tag den Schul­weg der Kindern ablaufen, damit sie — ja was eigentlich? Merkt, dass die Kinder nur laut sind und die klap­pern­den Roller nur an ihr vor­beifahren? Nein. Das brauchen wir bei­de nicht.

Ich habe bish­er nicht so offen über unsere “Baustellen” gesprochen. Queen war sehr ein­fach zu erziehen und sie ist in allen Sit­u­a­tio­nen abruf­bar. Manche Hun­debe­sitzer waren erstaunt und lobten mich für die “gute Erziehung”. Das gefiel mir irgend­wie. Und dann war der Moment, indem man auch über “Baustellen” spricht, ein­fach vor­bei. Das Bild, was die Leute von Queen hat­ten, sollte auch so bleiben. Warum eigentlich? Mir fällt heute kein Grund mehr ein.

Und den­noch: Queen ist der per­fek­te beste Hund für mich. Sie hat ihre kleinen Mack­en genau wie ich. Bezüglich der meis­ten sind wir uns sog­ar sehr ähn­lich. Sie ist das Beste, was mir je passiert ist und sie soll genau­so bleiben wie sie ist.

Per­fek­tion ist nicht dann erre­icht, wenn es nichts mehr hinzuzufü­gen gibt, son­dern wenn man nichts mehr weglassen kann.” — Antoine de Saint-Exupéry.

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