Allgemein, Gesundheit

Die Arbeit einer Tierphysiotherapeutin — Interview mit Isabelle Ternes — Kohn

Heute  habe ich ein ganz beson­ders Inter­view für euch. Ich durfte schon einige Male erleben, wie viel Phys­io­ther­a­pie bei Queen bewirken kon­nte und finde die Arbeit als Tier­phys­io­ther­a­peut super faszinierend. Die liebe Isabelle von Tier­phys­io­ther­a­pie Schritt für Schritt hat sich in einem Inter­view meinen Fra­gen rund um ihre Arbeit gestellt und das möchte ich euch nicht länger voren­thal­ten.

Bitte stell dich den Lesern doch einmal kurz vor.

Mein Name ist Isabelle Ternes — Kohn, ich bin 26 Jahre alt, habe eine Tochter und wohne in Niederöf­flin­gen in der schö­nen Vulka­neifel. Zu mein­er Fam­i­lie gehören ein Hund, ein Kater, zwei Hasen und ein Pferd. Ich engagiere mich gerne im Tier­schutz und unter­stütze sowohl Vere­ine im In- und Aus­land.

 

Du arbeitest als Tierphysiotherapeutin. Wie kam es dazu?

Dass ich beru­flich „irgend­was mit Tieren“ machen wollte, war mir schon sehr früh klar. Lei­der sind (noch) nicht alle tierischen Berufe staatlich geregelt, weswe­gen ich zunächst eine Aus­bil­dung zur Bürokauf­frau absolvierte und hier erst mal Erfahrung in der Arbeitswelt sam­melte. Während mein­er Elternzeit hat­te ich die Gele­gen­heit in ver­schiedene Bere­iche der Tier­heilkunde reinzuschnup­pern, wie z. B. Homöopathie, Bach­blüten und Heilpflanzenkunde. Jedoch hat mich das The­ma Phys­io­ther­a­pie am meis­ten begeis­tert und so startete ich im März 2016 meine Aus­bil­dung zum Tier­phys­io­ther­a­peuten an der Akademie für Tier­heilkunde. Diese schloss ich am 01.07.2017 erfol­gre­ich ab. Seit dem 01.08.2017 arbeite ich als Tier­phys­io­ther­a­peutin im Großraum Wit­tlich-Land. Zurzeit bin ich noch vor­mit­tags im Büro tätig, Ziel ist es aber die Prax­is auf Vol­lzeit auszubauen.

Wie muss ich mir deinen Alltag als Physiotherapeutin genau vorstellen?

Da ich mit vie­len ver­schiede­nen Hun­den und Pfer­den arbeite, die alle unter­schiedliche Charak­tere und Krankheits­bilder haben, ist mein All­t­ag immer sehr aufre­gend und span­nend. Manche Tierbe­sitzer kom­men mit Rönt­gen­bildern nach einem operierten Bruch oder Diag­nosen wie Arthrose zu mir und wir erstellen Ther­a­piepläne mit kurz- und langfristi­gen Zie­len. Hier ist die Zusam­me­nar­beit mit dem Tier­arzt, dem Hal­ter und evtl. weit­eren Ther­a­peuten (THP, Schmied, Train­er…) von sehr großer Bedeu­tung. Anderen Besitzern fall­en Unregelmäßigkeit­en im Gang­bild ihres Lieblings auf und sie möcht­en ihn ein­fach mal phys­io­ther­a­peutisch durchcheck­en lassen. Wiederum andere Tier­hal­ter möcht­en ihrem alten Tier mit Mas­sagen etwas Gutes tun oder wün­schen eine Train­ings­be­gleitung ihres Sporthun­des.

Ich persönlich habe bereits tolle Erfahrungen mit Physiotherapie beim Hund gemacht. Inwieweit kannst du die Tiere mit deiner Arbeit unterstützen?

Ziel der Phys­io­ther­a­pie ist es, Schmerzen zu lin­dern, Schon­hal­tun­gen ent­ge­gen­zuwirken und das phys­i­ol­o­gis­che Bewe­gungsaus­maß zu erhal­ten bzw. wieder herzustellen. Nach Oper­a­tio­nen von z. B. Knochen­brüchen, ist es wichtig das Gewebe elastisch zu hal­ten, nach der Schonzeit das Gang­bild zu schulen und die atro­phierte Musku­latur wieder aufzubauen. Tiere mit chro­nis­chen Erkrankun­gen, wie Arthrose prof­i­tieren sehr von ein­er regelmäßi­gen Behand­lung, teil­weise benöti­gen diese Tiere kaum oder gar keine Schmerzmedika­mente mehr. Bei Sporthun­den wird der Fokus auf Kraft- und Aus­dauer­train­ing, Muske­lauf­bau und Verbesserung von Koor­di­na­tion gelegt. Beson­ders faszinierend an der Phys­io­ther­a­pie ist, dass Tiere mit schw­eren Band­scheiben­vor­fällen bei kon­stan­ter und kom­pe­ten­ter Krankengym­nas­tik und guter Mitar­beit des Besitzers die Fähigkeit zu Laufen wieder erlan­gen kön­nen.

Welche Therapieformen gibt es und welche Geräte benutzt du?

In der Phys­io­ther­a­pie gibt es sehr viele Bere­iche, auf die man sich spezial­isieren kann. Ich kom­biniere gerne ver­schiedene Ver­fahren indi­vidu­ell auf das entsprechende Tier abges­timmt, um einen möglichst großen Erfolg zu erre­ichen. Ganz oben auf mein­er Liste ste­ht die Schmerzther­a­pie, denn die Lin­derung von Schmerzen ist bei mir immer das erste Ziel. Des Weit­eren gehören zu meinem Ther­a­pieange­bot u. a. Krankengymnastik/ post­op­er­a­tive Betreu­ung, ther­a­peutis­che Mas­sagen, Cranio-Sacral-Ther­a­pie, Trig­ger­punk­t­di­ag­nos­tik, manuelle Lym­phdrainage und die Bewe­gungs­ther­a­pie. Zur Bewe­gungs­ther­a­pie zählen Tech­niken wie Gelenksmo­bil­i­sa­tion, Dehnen, Pro­pri­ozep­tions- und Koor­di­na­tion­strain­ing, isometrische Übun­gen und Muske­lauf­bau. Beglei­t­end unter­stütze ich bei Bedarf die Behand­lung mit Homöopathie, Heilpflanzen, Aro­mather­a­pie oder Farbther­a­pie. Dieses Jahr wer­den noch einige Zusatzqual­i­fika­tio­nen dazu kom­men, als näch­stes zum Beispiel die Akupunk­tur.

Ich arbeite aktuell mit ver­schiede­nen Geräten. Das Vibra­tions­mas­sagegerät ist beson­ders für tief­sitzende Verspan­nun­gen geeignet. Die Mag­net­feld­mat­te, wende ich z.B. zur Anre­gung von Durch­blu­tung und Stof­fwech­sel, sowie zur Schmerzther­a­pie an. Dies sind aber nur wenige von sehr vie­len weit­eren Indika­tio­nen der Mag­net­feldther­a­pie. Des Weit­eren habe ich ein Bal­lkissen, einen Ther­a­piekreisel, ein Cav­alet­ti-Set und „Kleinkram“ wie Igel­bälle, Reflexstäbchen, etc. In näher­er Zukun­ft kom­men u. a. noch ein Laser und eine Vibra­tions­mat­te dazu.

Kann man jedes Tier mit Physiotherapie behandeln oder gibt es Grenzen?

Natür­lich hat auch die Phys­io­ther­a­pie ihre Gren­zen. So ziem­lich jede Behand­lungs­form gehört zu den soge­nan­nten „durch­blu­tungs­fördern­den Maß­nah­men“, daher ist unbe­d­ingt von Phys­io­ther­a­pie abzu­rat­en, wenn das Tier an Tumor­erkrankun­gen, entzündlichen Infek­tio­nen oder Pilzbe­fall lei­det, Herz-, Nieren­prob­leme oder Epilep­sie hat. Auch bei trächti­gen Hündin­nen ist Vor­sicht geboten. Unter Umstän­den bitte ich meine Patien­ten, sich zunächst ein „OK“ vom Tier­arzt einzu­holen.

Vor Kurzem las ich, dass schätzungsweise 75 % aller Hunde unter Rückenschmerzen leiden. Was sagst du dazu?

In der Tat kom­men die meis­ten mein­er Patien­tenbe­sitzer auf­grund von Rück­en­schmerzen zu mir. Hier gehen wir dann erst­mal auf Ursachen­forschung. Hunde sind Kom­pen­sa­tion­skün­stler, das heißt, sie ver­suchen Schmerzen in den Glied­maßen auszu­gle­ichen, indem sie andere Kör­per­re­gio­nen (-> Rück­en) ver­mehrt an- und somit verspan­nen. Durch die kon­stante Verspan­nung im Rück­en, ändert sich wiederum die Sta­tik und die Bewe­gungs­dy­namik, was zu Fehlbe­las­tung ander­er Glied­maßen führt. So entste­ht ein „Schmerz-Verspannung-Schmerz“-Teufelskreis. Es gibt aber auch Hunde, die rassen­spez­i­fisch Prob­leme mit dem Ban­dap­pa­rat haben und so anfäl­liger für Band­scheiben­vor­fälle sind. Alte Hunde lei­den oft an dem Cau­da-Equina-Kom­pres­sion­ssyn­drom, was starke Schmerzen im Bere­ich Rücken/Kruppe und neu­rol­o­gis­che Aus­fälle in der Hin­ter­hand mit sich führen kann. Aber auch der externe Fak­tor „Besitzer“ ist nicht zu unter­schätzen. Man­gel­hafte Liege­plätze, unpassende Geschirre/Halsbänder oder per­ma­nen­ter Zug auf den Sel­bi­gen auf­grund von schlechter Leinen­führigkeit begün­sti­gen Rück­en­prob­leme. Oft sind betrof­fene Hunde auch übergewichtig.

Was würdest du dir für dein Berufsfeld in Zukunft wünschen?

Ther­a­peuten für Tierge­sund­heit sind zwar auf dem Vor­marsch, aber noch immer sind die Tätigkeit­en eines Tier­phys­ios oder Tier­heil­prak­tik­ers nicht jedem bekan­nt. Schön wäre es, wenn auch Tierärzte ver­mehrt über die Arbeit­en eines Phys­io­ther­a­peuten aufk­lären und ggf. die Patien­ten gezielt „über­weisen“.

Was an deinem Job magst du besonders? Was ist gelegentlich problematisch?

Beson­ders mag ich, dass die Tiere schon nach kurz­er Zeit merken, dass meine Ther­a­pie ihnen gut tut und sie sich auf ihre Art bei mir bedanken. Meist werde ich schon nach weni­gen Ter­mi­nen freudig begrüßt, der ein oder andere legt sich schon frei­willig bere­it auf den Behand­lungsplatz. Ich finde auch die Zusam­me­nar­beit mit den Tier­hal­tern ein­fach toll. Alle führen die von mir erteil­ten „Hausauf­gaben“ außer­halb der Behand­lungszeit­en sorgfältig und kon­se­quent durch. Auch die Koop­er­a­tion mit Hun­de­schulen und anderen Ther­a­peuten finde ich beson­ders gut.

Prob­lema­tisch ist manch­mal die Kom­mu­nika­tion mit Tierärzten, im Großen und Ganzen ist das aber nicht sehr drama­tisch.

Viele Hunde sind gestresst, wenn sie in fremden Räumen behandelt werden. Ist es deiner Meinung nach sinnvoller, die Tiere in ihrem gewohnten Umfeld zu therapieren?

Ganz klar: Ja! Ich arbeite auss­chließlich mobil, um sowohl dem Tier, als auch dem Besitzer eine stress­freie Behand­lung zu ermöglichen. In ver­trauter Umge­bung kommt das Tier viel bess­er zur Ruhe und fasst schneller Ver­trauen. Weit­er­er wichtiger Aspekt ist der Trans­port von bewe­gung­seingeschränk­ten Tieren. Nicht jed­er hat einen Chi­huahua oder Zwerg­pudel, den man sich mal eben „unter den Arm klem­men kann“. Für mich per­sön­lich wäre es ein großes Prob­lem meinen 30 Kilo Hund alleine ins Auto zu tra­gen, ganz zu schweigen von dem Weg vom Park­platz in die Prax­is und eventuellen Trep­pen.

Eventuell ziehe ich in Betra­cht in weit­er Zukun­ft einen Prax­is­raum zuhause einzuricht­en, die mobile Arbeit ziehe ich jedoch momen­tan vor. Meine Geräte nehme ich alle in meinem Auto bzw. Kof­fer immer mit.

Überall begegnen einem nun die sogenannten Physiobälle. Profitiert jeder Hund von dieser Physiotherapie für Zuhause? Kann man hierbei etwas falsch machen?

Diese Physio-„Bälle“ gibt es in ver­schiede­nen Far­ben und For­men, wie z. B. Donuts, Erd­nüsse und in Knochen­form (Fit­bones). Die Ober­fläche ist glatt, nop­pig oder „stache­lig“ ähn­lich wie bei einem Igel­ball. Die Anwen­dungsmöglichkeit­en sind vielfältig in der Phys­io­ther­a­pie, so eignen sie sich zum Koor­di­na­tions- und Pro­pri­ozep­tion­strain­ing, Verbesserung von Sta­bil­ität und Bal­ance, sowie zum Muske­lauf­bau und Steigerung von Konzen­tra­tion.

Grund­sät­zlich ist gegen eine Anwen­dung zu Hause nichts einzuwen­den, den­noch sollte man wis­sen, welch­es Ziel man mit dem Train­ing ver­fol­gen will und sich konkrete Übun­gen vom Tier­phys­io­ther­a­peuten oder auch von ein­er guten Hun­de­schule zeigen lassen. Obwohl ger­ade die größeren Vari­anten nicht ganz gün­stig sind, ver­wen­den manche Tier­hal­ter Donuts oder Erd­nüsse als Spielzeug für den Garten. Allerd­ings empfehle ich, den Hund nicht unbeauf­sichtigt damit spie­len zu lassen, denn springt der Hund eupho­risch auf eine ungesicherte Rolle, kann er sich über­schla­gen und ern­sthaft ver­let­zen. Aber nicht jed­er Hund ist von Fit­bones & Co. begeis­tert. Beson­ders ungeübte Tiere sind sehr unsich­er zu Beginn und man muss das Train­ing in kleinen Schrit­ten durch­führen. Klas­sis­ch­er Fehler eines Tierbe­sitzers ist, den Hund sofort und ohne Vor­war­nung auf die Rolle zu stellen. Resul­tat ist, der Hund span­nt sofort alles an oder stürzt sog­ar herunter, bei­des führt unweiger­lich zu Schmerzen und die neg­a­tiv­er Erfahrung macht das weit­eres Arbeit­en mit der Phys­iorolle fast unmöglich, denn der Hund wird kün­ftig die Biege machen, sobald das Train­ings­gerät aus­gepackt wird. Daher gilt: Aufwär­men und langsames Ken­nen­ler­nen mit viel pos­i­tiv­er Ver­stärkung ist das A und O!

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