Ein Plädoyer für die Tierklappe

Vor eini­gen Tagen ging eine Mel­dung durch das Inter­net, die ich ein­fach nicht aus dem Kopf bekomme. Es ist eine Mis­chung aus Ver­ständ­nis­losigkeit, Grausamkeit und Wut, die in mir dieses “Da muss sich etwas verän­dern” — Gefühl aus­löst. Das darf so ein­fach nicht passieren. Nicht hier. Eigentlich nir­gend­wo auf dieser Welt.

Am ver­gan­genen Don­ner­stag gegen 22 Uhr meldete die Überwachungskam­era eines Tier­heims, dass sich auf dem Gelände etwas bewegt. Was der dien­sthabende Mitar­beit­er live auf seinem Handy mitver­fol­gen kann, lässt die Welt für einen Moment still­ste­hen. Vor­sichtig näh­ern sich zwei Per­so­n­en dem ca. 2 Meter hohen Tier­heimza­un. Anhand ihres Gangs und ihres ständi­gen Umblick­ens wird schnell deut­lich, dass sie nicht gese­hen wer­den möcht­en. Als sie sich sich­er und unbe­merkt fühlten, war­fen sie plöt­zlich mit Schwung einen Bün­del über den hohen Zaun und flücht­en in die dun­kle Nacht.

Das Bün­del war ein junger, großer Hund, der ein­fach über den Zaun geschleud­ert wurde. Der Tier­heim­mi­tar­beit­er fuhr direkt zu der Hündin, ver­sorgte sie mit Fut­ter und Wass­er und brachte sie in einem Schup­pen. Sie war völ­lig verängstigt, stand unter Schock und ließ sich kaum ein­fan­gen. Auch am näch­sten Mor­gen stand die Hündin noch immer neben sich, saß ängstlich in ein­er Ecke. Eine Gesicht­shälfte war geschwollen, denn schein­bar ist sie beim Sturz auf ihr Gesicht gefall­en.

https://www.bild.de/regional/sachsen-anhalt/sachsen-anhalt-news/tierquaelerei-paar-wirft-huendin-ueber-zwei-meter-hohen-tierheim-zaun-65493266.bild.html

Während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich die Hündin aus dem Video vor meinem geisti­gen Auge. Ich musste einen Moment innehal­ten. Nahezu täglich liest man Mel­dun­gen von Tierquälerei und mir geht jede einzelne nah, doch diese ganz beson­ders.

Wie kann man so unglaublich grausam sein und einen Hund über einen so hohen Zaun schleud­ern? Ihn ein­fach wie einen Müll­sack hin­aus in die dun­kle Nacht wer­fen — ohne Rück­sicht darauf, ob sich das Tier schwere Ver­let­zun­gen zuziehen kann. Von dem Aus­maß der seel­is­chen Grausamkeit mag ich mir gar kein Urteil erlauben…

Früher las man von ange­bun­den Hun­den an einem Auto­bah­n­rast­platz. Furcht­bar keine Frage, doch wenn ich mir die Mel­dun­gen heute anse­he, so muss man mit erschreck­en fest­stellen, dass das Aus­set­zen an einem Auto­bah­n­rast­platz offen­sichtlich schon zu den harm­loseren Vari­anten gehört, einen Hund “loszuw­er­den”.

Aus­ge­set­zte Hund an viel befahre­nen Straßen haben zumin­d­est eine Chance ent­deckt zu wer­den und ganz ehrlich: Es kann auch kein gutes Zuhause gewe­sen sein, wenn die Men­schen so grausam sind, das arme Tier ein­fach auszuset­zen. So hat es wenig­stens noch eine Chance ein neues, liebevolles Zuhause zu find­en. Auch, wenn das jet­zt vielle­icht etwas kindlich und naiv klin­gen mag.

Man liest von Hun­den, die ver­hungert und ver­durstet sind, weil sie mit­ten in einem Wald ganz eng an einem Baum ange­bun­den wor­den sind. Die Chance hier ent­deckt zu wer­den tendierte gegen null.

Man hört von Hun­den, ins­beson­dere Welpen, die mit Steinen in einem Müll­sack im Fluss versenkt wer­den. Abar­tig — etwas anderes fällt mir hier nicht mehr zu ein.

Und nun ein Hund, der ein­fach über einen Zaun gewor­fen wird…

Das darf nicht passieren.

Doch hierzu muss sich eine Menge verän­dern. Die Tier­heime sind voll, nehmen teil­weise keine Tiere mehr auf. Teil­weise muss man eine nicht uner­he­bliche Summe hin­ter­lassen, wenn man ein Tier in einem Tier­heim abgeben möchte.

Einige Gnaden­höfe und einige wenige Tier­heime haben soge­nan­nte Tierk­lap­pen einge­führt. Hänger, in denen man Tiere unbeobachtet abgeben kann — immer­hin eine deut­lich bessere Lösung als sie chan­cen­los auszuset­zen, über Zäune zu wer­fen oder gar umzubrin­gen. Doch das alles muss auch finanziert wer­den und den Tier­heimen fehlt es an allen Eck­en und Enden.

In diesem Zusam­men­hang komme ich nicht umher mich zu fra­gen, warum so viele Hunde nach Deutsch­land geholt wer­den und zum Teil hier in den Tier­heimen unterge­bracht wer­den. Muss wirk­lich jed­er Straßen­hund einge­fan­gen und hier­her gebracht wer­den? Gibt es nicht vielle­icht Hunde, die völ­lig gesund auf der Straße leben und damit auch zufrieden sind, ihre Frei­heit genießen und in ein­er Woh­nung vielle­icht völ­lig durch­drehen wür­den? Sollte man nicht vielle­icht mehr dazu überge­hen, in den ensprechen­den Län­dern wie Griechen­land, Spanien, Rumänien und Co. Hil­fe zur Selb­sthil­fe zu leis­ten? Wäre es nicht sin­nvoller, das Geld so zu investieren, dass die Straßen­hunde sich nicht weit­er und unkon­trol­liert ver­mehren kön­nen?

Tier­heime müssen mehr finanzielle Unter­stützung bekom­men. Es muss mehr Tierk­lap­pen in Deutsch­land geben, damit nie­mand mehr auf die grausame Idee kommt, einen Hund über einen Zaun zu schleud­ern. Ich kann dur­chaus nachvol­lziehen, dass es vielle­icht dazu ein­laden würde, ein Tier im Tier­heim abzugeben, wenn das prob­lem­los und jed­erzeit möglich wäre. Doch wir müssen uns auch vor Augen hal­ten, wer den hohen Preis dafür zahlt, dass unsere Tier­heime über­füllt sind. Wäre es möglich gewe­sen, die Hündin dort (vielle­icht sog­ar anonym) abzugeben, dann wäre sie wahrschein­lich nicht über den Zaun gewor­den wor­den.

Es ist unvorstell­bar, was manche Tiere durch­machen müssen. Während Queen & Püp­pi behütet und umsorgt wer­den, gibt es dort draußen Men­schen, die Tiere grausam mis­shan­deln. Für mich eine ganz bedrück­ende Vorstel­lung und obwohl man so viel dage­gen unternehmen möchte, ist man doch so hil­f­los.

Und bevor man die eine Meldung verarbeiten konnte, kam direkt die nächste:

Ein Hund sucht ein neues Zuhause. Sein Gesicht ist über und über voller Nar­ben. Der Hündin wurde das Maul zuge­bun­den. Als “Köder” wurde sie Hun­den vorge­set­zt, die als soge­nan­nte Kampfhunde später in einen Ring steigen soll­ten, während der unter­ste Abschaum dieser Gesellschaft am Rand ste­ht und den Favoriten anfeuert, auf den sie gewet­tet haben. Nur ein­er kommt lebend her­aus — das ist der Deal. Und damit die Hunde ler­nen, andere anzu­greifen, benötigt man “Köder”. Diese dür­fen sich nicht wehren, sodass ihnen die Schnau­ze ver­bun­den wird. An ihnen sollen die anderen das Kämpfen ler­nen. Geht es abar­tiger?

https://www.tag24.de/nachrichten/hund-schnauze-zugebunden-koederhund-damit-kampfhunde-an-ihm-trainieren-koennen-1259476

Es drückt. Es drückt von oben herab auf meine Schul­tern und ich merke, wie ich immer länger benötige, um diese Geschicht­en aus dem Kopf zu bekom­men. Sollte man sie über­haupt aus dem Kopf bekom­men? Ich kann die Bilder kaum anse­hen, ohne dass es mir die Brust zuschnürt. Vergessen kann doch hier nicht richtig sein.

Zumin­d­est fühlt es sich nicht richtig an …

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3 thoughts on “Ein Plädoyer für die Tierklappe

  1. Ich habe ger­ade wirk­lich Gänse­haut bei dem Artikel bekom­men und bin wütend, ent­täuscht und frus­tri­ert. Schlimm genug ist der Vor­fall, bei dem der Vier­bein­er ein­fach so über den Zaun gewor­fen wor­den ist – zum Glück gab es eine Überwachungskam­era und man eilte direkt zur Hil­fe – aber der let­zte Fall mit dem „Köder“, war für mich ein­fach noch eine Schippe grausamer und bar­barisch­er. Ich habe wirk­lich abso­lut kein Ver­ständ­nis für solch ein unmen­schlich­es Ver­hal­ten und auch mir schnürt sich wirk­lich alles zu, wenn ich so etwas lese …

    Ein sehr emo­tionaler und wichtiger Beitrag, der zum Nach­denken anregt.

    Liebe Grüße,
    Regi­na

  2. Wenn ich sowas lese, überkommt mich ein Gefühl der Hil­flosigkeit. Am lieb­sten würde ich all diejeni­gen, die Tieren so etwas grausames antun eben­falls aufs übel­ste ver­reck­en lassen.

    Es sind nicht immer nur die asi­atis­chen, osteu­ropäis­che oder südlichen Län­der die es ver­ste­hen Tiere zu quälen. Ich glaube, jede Nation und jedes Land ste­hen sich in nichts nach. Ob das nun aus Tra­di­tion her­aus geschieht oder nicht, ist dafür in meinen Augen uner­he­blich.

    Ich glaube auch nicht, dass der Aus­land­stier­schutz ein Grund für volle Tier­heime ist. Wohl eher das lustige ver­mehren von Hun­den und eben die Käufer, die solche Welpen erwer­ben sor­gen let­zendlich an einem Über­fluss von „Ware Hund“ die dann in Tier­heimen lan­den. Ver­mehrer sind nicht nur die, die ihre Welpen aus Osteu­ropa importieren son­dern auch die „liebevolle Hob­byzucht“ in der fröh­lich Hunde egal welch­er Rasse miteinan­der ver­paart wer­den (vorzugsweise kleine Rassen, die passen immer­hin fast in jede Bude) weil es eben ein schönes Zubrot ist welch­es easy peasy am Finan­zamt vor­bei geht.

    Hun­deklap­pen fände ich auch super. Wenn ein Teil der Hun­des­teuer dem Tier­heim zugute kom­men würde, wäre das mit Sicher­heit auch real­isier­bar. Aber das wird in den Kom­munen ja bere­its ander­weit­ig ver­plant …

    Trau­rige Grüße

    Dani mit Inu­ki und Ska­di

  3. Ich sehe das genau­so. Das Han­deln soge­nan­nter Tier­schutzvere­ine ist oft nicht im Sinne der Tiere. Ein Beispiel von vie­len sind die bürokratis­chen und finanziellen Hür­den für Leute, die Tiere abgeben wollen. Wer ein Fundti­er abgeben will, dem wird nicht geglaubt und wer ein Tier „adop­tieren“ will, der muss sich einem Pro­cedere unterziehen wie bei ein­er Kinde­sadop­tion.
    Der Wun­schkan­di­dat ist selb­stver­ständlich Veg­an­er und hat nicht nur den ganzen Tag Zeit, son­dern auch reich­lich Geld, nicht nur für Tier­arztrech­nun­gen, son­dern um eventuelle Spenden an das Tier­heim zu leis­ten. Zudem muss auch jede blinde alte Katze ein Haus mit Garten zur Ver­fü­gung haben, darunter ist nichts zu machen. Mit ein­er Eta­gen­woh­nung brauchst du da gar nicht erst kom­men, für einen Hund schon gar nicht. Und dann wun­dert man sich, warum die Heime voll sind und viele Tiere im Heim ver­sauern. Oben­drauf holt man noch Tiere aus Rumänien und aller Welt hinzu.

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