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Eine Welt im Internet — mehr Schein als Sein?

Heute dreht es sich mal nicht um den Hund. Zumin­d­est nicht in erster Lin­ie.

Heute dreht es sich um die Welt im Inter­net. Um eine Welt, in der sich alles um das geschrieben Wort dreht. Und um Fotos. Leser sehen die von Bildern umgebe­nen Zeilen vor sich und in ihrem Kopf entste­ht ein Bild. Eine grobe Vorstel­lung von der Per­son, die all diese Zeilen ver­fasst hat. Eine Idee von dessen Leben und dessen All­t­ag.

Doch wie sehr entspricht dieses Bild eigentlich der Realität?

Dietut­nichts gibt es bald ein Jahr lang. In diesem Jahr habe ich min­destens 10 Mal so viele Beiträge gele­sen wie selb­st ver­fasst (und ich blogge nahezu täglich). Es gibt Blogs, die ich dauer­haft ver­folge. Dort lese ich jeden Artikel. Und es gibt Blogs, die ich nur lese, wenn mich der aktuelle Beitrag inter­essiert. Unter uns Hun­de­blog­gern ken­nt man sich. Man sieht sich auf Messen oder besucht sich, wenn man zufäl­lig in der Nähe ist. Man schreibt sich pri­vat, tele­foniert und schickt sich zwis­chen­durch kleine Pakete mit hüb­schen Din­gen für die Vier­bein­er. Bei Nicole vom großar­ti­gen Hun­de­blog Moe&Me ver­brachte ich im ver­gan­genen Som­mer eine tolle Woche an der Ost­see. Wir hat­ten viel Zeit um uns per­sön­lich ken­nen zu ler­nen und ver­bracht­en schöne Tage zusam­men.

 Und bevor jemand auf die Idee kommt, ich möchte darauf hin­aus, dass Nicole gar nicht so ist, wie sie in ihrem Blog rübekommt, dem möchte ich direkt den Wind aus den Segeln nehmen. Nicole ist genau­so sym­pa­tisch und lebens­froh wie ich sie mir vor unser­er gemein­samen Zeit vorgestellt habe.

Warum schreibe ich dann diesen Artikel?

Seit Püp­pi hier wohnt, habe ich es noch nicht ein­mal geschafft Fotos mit der Spiegel­re­flexkam­era zu machen. Alle Bilder, die ihr von Püp­pi und Queen gese­hen habt, sind mit meinem IPhone ent­standen. Selb­st das neue Titel­bild ist ein Schnapp­schuss mit dem Handy.

Sollte ich mich jet­zt schä­men und in mein Kör­bchen verkriechen? Vielle­icht.

Die Fotos auf den Hun­de­blogs, den Face­book­seit­en, Insta­gram & Co. wer­den immer pro­fes­sioneller. Immer mehr haben eine Spiegel­re­flexkam­era. Immer mehr Bilder wer­den immer extremer bear­beit­et. Und jet­zt kommt das in meinen Augen Unnötige: Immer mehr Bilder sind immer gestell­ter.

Das Fut­ter im Napf ist angerichtet als hätte ein Sternekoch ein Shoot­ing für sein neues Kochbuch. Die Schlaf­plätze der Hunde passen per­fekt zur Ein­rich­tung. Herum­liegen­des Spielzeug im Hin­ter­grund? Fehlanzeige. Das Out­fit der Zweibein­er ist per­fekt auf das Hals­band des Hun­des abges­timmt. Der Him­mel? Immer strahlend Blau. Die Hunde ren­nen freudig über blühende Wiesen und an der­art sauberen Strän­den ent­lang, dass man sich fragt aus welch­er Wer­bung das Bild ent­standen ist. Dreck­ige Hosen oder schlam­mige Pfoten sind ein NoGo. Abends wird noch schnell ein “Gute­Nacht — Foto” hochge­laden, auf dem der Hund auf seinem perl­weißen Kissen liegt, als wäre der Vier­bein­er ein Plüschti­er.

Authen­tisch? Keineswegs.

Ein typischer Dienstag Abend im Schäfi - Haus
Ein typ­is­ch­er Dien­stag Abend im Schä­fi — Haus

Doch warum entwickeln sich viele Blogs zu einer Art Traumwelt, die es so in der Realität nicht geben kann?

Der Him­mel ist manch­mal trüb, die Hunde sind manch­mal dreck­ig und sif­fige Hun­de­schuhe passen nicht immer per­fekt zur Leine des Vier­bein­ers. Und ganz ehrlich: Wer in Gottes Namen kauft ein weißes Kissen für seinen Hund? In wessen Wohnz­im­mer liegt nie Hun­de­spielzeug herum und wieso liegen drei per­fekt platzierte Beeren neben einem Kleks Magerquark in Herz­form? Natür­lich in einem Hun­de­napf, der mehr Geld kostet als manch ein­er für sein kom­plettes Geschirr aus­geben würde.

Von Perfektion weit entfernt... Ein Schnappschuss aus unserem Alltag
Von Per­fek­tion weit ent­fer­nt… Ein Schnapp­schuss aus unserem All­t­ag

War das vielle­icht schon immer so und mir fällt es jet­zt erst auf? Oder glo­ri­fiziere ich nur das Ver­gan­gene und sollte auch ich das per­fekt angerichtete Fut­ter mein­er Hunde posten, während ich kleinge­matsche Kartof­fel gemis­cht mit zer­drück­tem Blu­menkohl und Gulaschsoße esse?

Geht es wirklich noch darum, dass man etwas zu sagen oder zu zeigen hat? Oder geht es nur noch um geschickte Platzierungen und Inzensierungen?

Immer mehr Blog­ger melden ein Gewerbe an. Immer mehr Blog­ger gehen Koop­er­a­tio­nen mit Unternehmen ein. Immer mehr Blog­ger leg­en Wert auf Leserzahlen und Fol­low­er auf Social Media Kanälen. Und wer nun das Gegen­teil behauptet, kann das vielle­icht für sich selb­st in Anspruch nehmen. Viele gespon­sorte Posts und gekaufte Fol­low­er auf Face­book beweisen den Trend.

Wir alle wollen als Blog­ger ernst genom­men wer­den. Wollen, dass unsere Arbeit mit Respekt behan­delt wird.

Doch wieviel Respekt kann ich jeman­dem ent­ge­gen­brin­gen, der sich durch geschick­te Platzierun­gen und per­fekt durch­dachte Inzen­sierun­gen eine Art Schein­welt auf­baut?

Doch diese Schein­welt wird zur Real­ität. Zur Real­ität für die Leser.  Die Leser klick­en, lesen, liken, teilen und kom­men­tieren. Die streng überwacht­en Zahlen wer­den zum Schlüs­sel für Koop­er­a­tio­nen und Ein­ladun­gen für Ver­anstal­tun­gen.

Vielle­icht sollte auch ich meine Spiegel­re­flexkam­era ein­pack­en und per­fekt platzierte Fotos posten. Stets mit hellem Hin­ter­grund, damit bei Insta­gram möglichst viele das kleine Herz links unter dem Bild rot wer­den lassen.

Vielle­icht sollte ich meine Hunde mit per­fekt sauberem Spielzeug über eine per­fekt blühende bunte Blu­men­wiese ren­nen lassen und die fliegen­den Ohren per­fekt in Szene set­zen.

Vielle­icht sollte auch ich die Spiel­sachen in einem weiß geflocht­e­nen Kör­bchen neben dem weißen flauschi­gen Tep­pich stellen, damit das weiße Kissen bess­er zur weißen Orchidee passt.

Vielle­icht. Vielle­icht aber auch nicht.

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10 Kommentare

  • Shiva Wuschelmädchen

    Hihi… ja, manch­mal denk ich auch. Bei mir sieht es ganz schön schlampig aus… da hängt die Jog­ging­hose schlapp im Hin­ter­grund vom Bett, das übri­gens kom­plett ver­wurschtelt ist, weil mein Hund dort seinen Schlaf­platz ein­gerichtet hat­te. Dann liegen Mil­lio­nen von Spiel­sachen, Krümeln und Para­cord­schnipsel auf dem Boden rum. Ja, ich sauge wed­er täglich noch alle 2 Tage. Ein­mal die Woche wird gesaugt, dazwis­chen nur, wenn es wirk­lich wirk­lich nötig ist. Ich bin keine Putzfee und werde es nie sein. Ich suche manch­mal verzweifelt in mein­er Unord­nung etwas und finde es dann kom­plett zer­drückt und dezent angekaut bei Shi­va im Korb. Ja und? Wir bei­de sind glück­lich so und es ist trotz allem Chaos so sauber, dass ich mich eigentlich nicht deshalb schäme.
    Meine Fotos sind in den sel­tensten Fällen gestellt oder aufge­hüb­scht. Ja, ich ver­suche auch manche Foto­se­quen­zen mehrfach, bis es mir gefällt. Aber da flitzt Shi­va mit Begeis­terung auf mich zu oder legt sich neben mich auf eine Bank. Im Hin­ter­grund ste­ht ein Mülleimer oder ein Schild scheint aus meinem Hund zu wach­sen… die mach ich weg, aber der Rest bleibt so. Ist mir doch schnuppe, ob der Him­mel nun blau, grau oder mit weißen Tuffwölkchen ist. Klar, gefällt mir der blaue auch bess­er, aber mein Mäuschen ist ja eh mein Haupt­mo­tiv. 😉 Wobei ich geste­hen muss… ich gucke mir diese “Hochglanz-Blogs” auch gerne an und denke dann bei mir… ich kön­nte mal mehr auf Details acht­en.
    Ich sel­ber bin aber kein Per­fek­tion­ist. Ich freue mich an Kleinigkeit­en und wenn mal was nicht ganz per­fekt ist, dann sehe ich für mich doch eine Winzigkeit, die mich ein­nimmt und es für mich dann per­fekt macht.
    Flauschige Grüße
    San­dra & Shi­va

    • Sabrina

      Ich muss zugeben, dass ich Schnapp­schüsse aus dem All­t­ag viel mehr schätze als gestellte Bilder. Schnapp­schüsse sind per­sön­lich­er und geben einem einen viel besseren Ein­blick über das Leben. 100% pefek­te gestellte Bilder sind vielle­icht schön anzuse­hen haben in meinen Augen aber wenig Per­sön­lichkeit…
      Jed­er soll es so machen wie er es möchte. Ist ja schließlich sein oder ihr Blog. Ich frage mich nur, warum es immer extremer wird und ob es tat­säch­lich noch darum geht, dass man etwas zu sagen hat? Oder geht es tat­säch­lich nur noch im Inzen­sierun­gen?

  • anja

    Schön­er Beitrag!
    wie wär es mit ein­er Unterkat­e­gorie ala Real­ität der Traumwelt. Das zusam­men­leben mit den hund is ist ja dur­chaus die Erfül­lung eines Traums, aber sieht eben nicht immer so aus ^^ Schnapp­schüsse, die mal einen real­is­tis­chen Ein­blick in den All­t­ag geben, sind doch auch span­nend. Da kön­nte dich die liebe Leser­schaft, auch ohne in Besitz ein­er Spiegel­re­flexkam­era zu sein, sich­er mit tollen Fotos unter­stützen: von den größten Haar­ballen im Fell­wech­sel, matschi­gen Pfoten, Jog­ging­hose und zer­rupfte Spielzeuge… ich hätte da viele Ideen 😀

    • Sabrina

      Das finde ich eine super Idee. Ich werde mal drüber nach­denken, wie ich da umset­zen kann, aber wenn du Lust hast kannst du mir schon mal einige Fotos per Mail schick­en. Die adresse find­est du im Impres­sum 🙂
      Es geht ja nicht darum ob es eine SPiegel­re­flexkam­era ist oder ein IPhone son­dern darum ob die Bilder echt sind. Klar kann man schon von ein­er Insze­nierung sprechen, wenn ich “Sitz Bleib” sage und dann das Foto mache. Wenn jedoch die FArbe der Tulpen so gewählt wird, dass bei Insta­gram möglichst viele das Bild liken, dann hört es für mich auf…

  • Dani

    Ach je, lass diese Blog­ger doch ihr Ding machen wenn sie sich bess­er fühlen. Ich per­sön­lich würde auch ungerne Eck­en mein­er Woh­nung zeigen wo sich im Moment die Wollmäuse ver­mehren weil der Schä­fi haart wie nichts gutes, und ja, meine Fotos sind auch fast bzw. über­wiegend mit ein­er DSLR gemacht. Und ja, ich lade gerne bei Insta­gram hoch — und ja, ich freue mich über jeden like und fol­low­er. Aber ich wusste nicht das weiße Hin­ter­gründe mehr likes bekom­men, vielle­icht sollte ich das mal aus­pro­bieren 😀

    Gen­ervt bin ich ein­fach nur von Usern die Schreiben “bei 100 Likes gibt es das näch­ste Foto” oder “da ihr so wenig liked und kom­men­tiert habe ich keine Lust mehr und werde den Acc löschen” und schmar­rn wie diesen .…. Kinder .… 😀

  • Paleica

    Oh bitte nicht. Ich kann sie nicht mehr sehen, die per­fek­ten rosarotweißen puschel­wolken­blogs. Bleib authen­tisch und zeig das, was dein Leben mit Hun­den aus­macht. Alles andere ver­schwindet ohne­hin mit der Zeit in der Aus­tauschbarkeit. Und man ver­liert die Freude daran.

  • Rico (vom Gassireport)

    Ja, diese Entwick­lung geht ja schon eine ganze Weile…du und mein 2-Bein­er spracht ja auch mal darüber. Die Authen­tiz­ität geht lei­der immer mehr flöten… Ander­er­seits sehe ich das nicht so schlimm, denn Geschmäck­er sind ver­schieden. Und für jeden kann was dabei sein. Zumal es ja allen zeigt, wie vielschichtig wir Hunde doch sind! *jawohlwuff*

  • Anna

    Oh, danke für diesen Artikel. Ich bin ja noch recht neu mit dem Schreiben auf meinem Hun­de­blog dabei und am Anfang dachte ich wirk­lich, dass ja alles hochw­er­tig und per­fekt wirken muss. Schließlich sieht das ja (the­o­retisch) jed­er und das soll ja schon was her machen. Sehr schnell hat mich das selb­st ermüdet. Klar, ich mache gerne Fotos mit mein­er Nikon und habe sie auch fast immer dabei. Es ist ein­fach ein großes Hob­by und auch die Bild­bear­beitung macht mir Spaß und ich kann mich darin ver­lieren. Aber es schien qua­si ein MUSS dahin­ter zu steck­en. Alles muss per­fekt wirken, beson­ders sein. Dabei ist das im All­t­ag ein­fach nicht der Fall und als ich noch einen Artikel für ein Tausch­paket schreiben wollte, hat­te ich partout keine Lust noch das Wohnz­im­mer aufzuräu­men und eine Ecke auszuleucht­en und für die Foto­präsen­ta­tion zu gestal­ten, so dass ich ein­fach ein paar Handy­fo­tos gemacht habe. Und es gefiel mir auch. Es geht um den Inhalt und nicht unbe­d­ingt die Form. Inzwis­chen poste ich genau­so gerne Handy­bilder wie bear­beit­ete Fotos und ich bin unter­wegs auch oft froh, den Moment genießen zu kön­nen und sich nicht um die Belich­tungs- und Blenden­werte den Kopf zu zer­brechen. Manch­mal passt es, manch­mal eben nicht.

    Ich muss allerd­ings sagen, dass mir in der Hun­de­blog­ger­szene diese gestellte Real­ität gar nicht so wirk­lich auf­fällt. Ich habe vorher einige Lifestyle­blogs ver­fol­gt und dort ist das nochmal eine ganze andere Stufe. Hier sieht man oft nasse, dreck­ige und glück­liche Hunde. Unaufgeräumte Hin­ter­gründe und unscharfe Fotos. Der Fokus liegt schon mehr auf dem Inhalt, finde ich.

    Liebe Grüße
    Anna

    • Sabrina

      Also bei ist das in der Regel 50:50 — 50% mit dem Handy und 50% mit der Kam­era. All­ge­mein halte ich viele Sit­u­a­tio­nen fest und manch­mal hat man eben nur das Handy griff­bere­it. Ich möchte auch über­haupt nicht kri­tisieren, wenn man anstrebt möglichst pro­fes­sionelle Fotos zu machen. Das ist ja auch mein Ziel. Was ist nur nicht ver­ste­hen kann ist, wenn es nicht mehr darum geht Fotos zu zeigen und Dinge zu erzählen, son­dern nur noch im Insze­nierun­gen für die Leserzahlen…
      Das ist trau­rig und hat in meinen Augen mit einem Blog nichts zu tun.

      Mach dir keine Sor­gen ob du nun Bilder mit dem Handy oder mit der Nikon machst. Deinen Lesern geht es darum, dein Leben und euren all­t­ag ver­fol­gen zu kön­nen. Da sind Schnapp­schüsse aus der Sit­u­a­tion her­aus genau­so toll wie Fotos mit der Dig­italk­a­m­era 🙂

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