Handarbeit — das ist doch schnell gemacht

Handarbeit — das ist doch schnell gemacht

Geiz ist geil” ist lei­der nicht nur der Slo­gan eines bekan­nten Elek­tro­mark­tes, son­dern auch das Motto eines Großteils der Gesellschaft. Warum Qual­ität, wenn es auch bil­lig geht?

Wer bil­lig kauft, kauft dop­pelt” und “Han­dar­beit ist teuer” hat schon Oma gesagt.

Recht hat sie.

Doch lei­der sehen das nicht alle so.

Ich liebe meinen Neben­job. Ich nähe unglaublich gerne und ich entwickel mit einer riesen Freude neue Pro­dukte für den Shop. Ich stehe zu 100% hin­ter Glück­shund und bin unglaublich glück­lich, diesen Shop aufge­baut zu haben.

Doch ich bin ehrlich:

Es ist nicht immer einfach.

Nehmen wir als Beispiel unsere Kuscheldecken. Die Kuscheldecken beste­hen aus hochw­er­tigem Well­ness­fleece. Die Decken sind kusche­lig weich, waschbar und langlebig.

Täglich schreiben Kun­den mich über die Face­book­seite an und erkundi­gen sich nach bes­timmten Pro­duk­ten. Früher oder später spricht man natür­lich auch über den Preis.

Nicht sel­ten kommt dann folgendes:

35,00 EUR für eine Kuscheldecke? Die bekomm ich im Fress­napf im Ange­bot schon für 4,99 EUR.”

Ich bin höflich und nett, doch am lieb­sten würde ich schreiben: “Dann fahr doch dort hin.”

Ich glaube, dass die meis­ten gar nicht wis­sen, wie groß der Aufwand bei Han­dar­beit tat­säch­lich ist.

Daher ent­stand die Idee zu diesem Artikel, bei dem ich ein­fach mal einen kleinen Ein­blick hin­ter die Kulis­sen geben möchte.

Alles beginnt mit dem Kundengespräch.

Gehen wir mal davon aus, dass der Kunde einen Fut­ter­beu­tel bestellen möchte.

Das kön­nte zum Beispiel so verlaufen:

Ich möchte gerne einen Fut­ter­beu­tel bestellen.”

Gerne. Hast du schon einen Stoff im Kopf?”

Nein eigentlich nicht. Was hast du denn?”

Ich habe nahezu 300 Stoffe hier. Auf der Face­book­seite find­est du einen Ord­ner mit allen Stof­fen. Bitte schau dich dort in Ruhe um.”

Der Stoff wird aus­ge­sucht und nun geht es weiter. Soll der Beu­tel einen Boden aus Kun­stleder haben? Falls ja fotografiere ich den Stoff mit allen Kun­stled­er­stof­fen, damit man sich vorstellen kann, wie es ausse­hen kön­nte. Anschließend das gle­iche Spiel von vorne mit dem beschichteten Stoff für den inneren Teil.

In den meis­ten Fällen ist der Beu­tel an dieser Stelle fer­tig geplant, doch es gibt auch Kun­den, die auch gern alle möglichen Kordeln, Kordel­stop­per und Kara­biner mit den Stof­fen zusam­men fotografiert haben möchten, um sich auch hier welche aus­suchen zu können.

Anschließend erk­läre ich, dass ich mit Vorkasse arbeite, lass mir die Adresse geben, schreibe die Rech­nung und trage in meinen Kalen­der ein, was sich der Kunde aus­ge­sucht hat. Wenn ich Glück habe, ist alles da. Sonst muss ich noch Zube­hör bestellen oder in die Stadt fahren, um zum Beispiel eine gewün­schte Kordel in rosa kaufen zu kön­nen. Ich habe zwar vieles hier, aber immer mal wieder fehlt hier und da etwas. Das mache ich wirk­lich gern, kostet jedoch unter Umstän­den bis zu einer Stunde Zeit, die oben drauf kommt.

Ein Kundengespräch dauert in der Regel 15 bis 25 Minuten.

Die Bestel­lun­gen wer­den chro­nol­o­gisch abgearbeitet.

Der Stoff wird zusam­menge­sucht, gebügelt und dann geht es an die Näh­mas­chine. Bleiben wir bei dem Beispiel eines Fut­ter­beu­tels so benötige ich hier­für ca. 35 bis 40 Minuten. Kuscheldecken und eDgar dauern schon mal schnell 60 Minuten. Anschließend muss aufgeräumt und gesaugt wer­den und wenn man bedenkt, man hat eine Kuscheldecke genäht, so kann man erst ein­mal alles von den Wän­den rücken, weil die Decken beim Zuschnei­den fusseln und diese verteilen sich ein­fach über­all. Keine Sorge. Die fer­ti­gen Decken fusseln selb­stver­ständlich nicht, aber das Zuschnei­den an sich macht schon ordentlich Dreck.

Anschließend schicke ich dem Kun­den Bilder der fer­ti­gen Pro­dukte. Das bedeutet, die Pro­dukte wer­den aus­gerichtet und vor einem weißen Hin­ter­grund fotografiert.

Han­delt es sich nicht um Son­der­an­fer­ti­gun­gen nach Kun­den­wun­sch, wan­dern die neuen Pro­dukte in den Shop. Dort wird eine Artikel­num­mer angelegt, Beschrei­bun­gen ver­fasst, Fotos hochge­laden und in Kat­e­gorien eingeteilt. Anschließend wer­den die Bilder auch auf Face­book und Insta­gram hochge­laden. Pro Pro­dukte dauert das ca. 15 Minuten.

Das fer­tige Pro­dukt wird anschließend ver­packt und ver­schickt. Ein­mal täglich fahre ich zur Post­stelle und gebe alle Pakete ab.

Und nun schauen wir uns mal meinen Lohn an. Hierzu bleiben wir beim Beispiel Futterbeutel:

Kun­denge­spräch, Stoff zusam­men­stellen und ggf. besor­gen , nähen, ver­packen und verschicken…

Da wären wir bei locker bei 2 bis 2,5 Stunden.

Ein Fut­ter­beu­tel kostet mit Leder­bo­den 22,00 EUR.

Hierzu benötige ich Baum­woll­stoff (10,00 bis 20,00 EUR pro Meter), Kun­stleder (15,99 EUR pro Meter), beschichtete Baum­wolle (22,50 EUR pro Meter), Kordel (1,60 EUR pro Meter), Kordel­stop­per (0,80 EUR), Kara­biner (0,90 EUR).

Pro Fut­ter­beu­tel kom­men wir also auf ca. 8,00 EUR Materialkosten.

Bleiben also 14,00 EUR für mich? Schön wärs.

Als selb­st­ständige Recht­san­wältin zahle ich auch für den Shop Umsatzs­teuer, sodass von den 22,00 EUR schon mal nur noch 17,60 EUR bleiben. Zieht man nun die Mate­ri­alkosten ab, sieht das schon mal anders aus. Denn statt 14,00 EUR bleiben nun noch 9,60 EUR.

Gerech­net auf 2 Stun­den Arbeit­saufwand kom­men wir also auf 4,80 EUR die Stunde. Min­dest­lohn? Fehlanzeige.

Gehen wir mal von dem Son­der­fall aus, der Kunde wün­scht sich eine außergewöhn­liche Farbe für den inneren Teil. Dann fahr ich zu dem Stoff­markt und kaufe 0,5m oder 1m der beschichteten Baum­wollt für 22,50 EUR den Meter. Wir erin­nern uns, dass der ganze Beu­tel 22,00 EUR kostet.

Und dabei habe ich noch nicht ein­mal die üblichen Kosten eingerechnet.

Ange­fan­gen beim Näh­garn und den üblichen Uten­silien wie Tren­ner, Kreide und Kläm­merchen zum Fest­stecken bis hin zur Näh­mas­chine von mehrern hun­dert EUR, kommt schnell einiges zusam­men. Um die Pro­dukte noch weiter indi­vid­u­al­isieren zu kön­nen, habe ich für über 1180,00 EUR eine Stick­mas­chine angeschafft. Ins Gewicht fällt ebenso die große Auswahl ver­schiedener Stoffe, die Ver­pack­un­gen und Kar­tons sowie Fahrtkosten zu ver­schiede­nen Stoffmärk­ten und –geschäften. Weiter geht es mit Stoff­scheren, Lap­top, Drucker, Schnei­de­matte, Rollschnei­der, Arbeit­splatz, Fotoap­pa­rat, Boxen für die Auf­be­wahrung und und und. Wahrschein­lich habe ich immer noch mehr als die Hälfte vergessen.

Hinzu kom­men zudem Kosten für den Onli­neshop, Stromkosten, Vis­itenkarten, Flyer, Adres­saufk­le­ber, Good­ies und kleine Geschenke.

Regelmäßig gibt es Rabat­tak­tio­nen, die ich eben­falls mit ein­rech­nen muss.

Mein Steuer­ber­ater (der übri­gens auch monatlich bezahlt wer­den muss) riet folgendes:

Mate­ri­alkosten mit einem bes­tim­men Fak­tor mul­ti­plizieren und so den Preis ermit­teln. Damit sich Han­dar­beit lohnt, sollte man die Mate­ri­alkosten mit dem Fak­tor 4 mul­ti­plizieren. Kehren wir zurück zum Fut­ter­beu­tel, so wären wir bei 32,00 EUR statt 22,00 EUR. Würdet ihr 32,00 EUR für einen Fut­ter­beu­tel zahlen? Ich wahrschein­lich auch nicht.

Handarbeit ist teuer.

Qualität hat seinen Preis.

Ich bin es leid, mich hier­für recht­fer­ti­gen zu müssen. Wer es gün­stiger haben will, kann eine 0815 — Decke oder einen Fut­ter­beu­tel mit Wer­bung eines Fut­ter­her­stellers kaufen.

Wer indi­vidu­elle Pro­dukte haben möchte, die sowohl Qual­ität als auch eine Menge Liebe enthal­ten, der ist bei mir genau richtig.

Ich bin gegen all diese Dump­ing Preise. Ich bin gegen diese Bil­lignäher aus den Face­book­grup­pen, die lediglich bil­liges, qual­i­ta­tiv unterirdis­ches Mate­r­ial zusam­men­klatschen und verticken. Ich bin gegen Schwarzarbeit.

Ich bin es leid, dass Bil­lig­ma­te­r­ial ver­ar­beitet wird, zu abar­tig gün­sti­gen Preisen ange­boten wird und auf diese Art den­jeni­gen, die sich viel Mühe geben hochw­er­tige Pro­dukte zu erstellen, das Leben schwer gemacht wird.

Glück­shund ist kein Ehre­namt und mehr als nur mein Hobby. Zum Teil lebe ich von dem Shop und daher ist Glück­shund für mich unterm Strich auch meine Arbeit.

In jedem meiner Pro­dukte steckt Liebe und eine Menge Aufwand. Ich ver­wende hochw­er­tiges, nach­haltiges Mate­r­ial und erstelle indi­vidu­elle Pro­dukte nach den Wün­schen meiner Kun­den. Ich freue mich unendlich über jeden, der dies zu schätzen weiß.

Doch ich bin es leid, mich recht­fer­ti­gen zu müssen. Ich hoffe, dass ich mit diesem Artikel ein wenig Licht ins Dun­kle brin­gen kon­nte und zeigen kon­nte, wieviel Aufwand tat­säch­lich in jedem Pro­dukt steckt.

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Posted on: 17. Januar 2017Sabrina

4 Gedanken zu „Handarbeit — das ist doch schnell gemacht

  1. Hallo Sab­rina,

    Wow! Beim Lesen habe ich mich wirk­lich gefragt, warum du das eigentlich machst. 😛
    So richtig finanziell ent­lohnt wirst du ja ganz ein­deutig nicht.

    Ich finde deine Pro­dukte ganz wun­der­bar und zahle gerne mehr. Und würde sie auch kaufen, wenn sie noch etwas teurer wären. 🙂

    Liebe Grüße
    Alina

  2. Liebe Sab­rina!
    Du weißt ja, was für ein Riesen­fan ich von deinen Pro­duk­ten bin. Mein Wuschelmäd­chen nächtigt nur noch auf Glückshund-Decken oder dem Kuschel­bett. Über­all sind Quol­lis, eDgars, Dot­tis, Kuschel­knochen und Zergel zu finden. Zusät­zlich noch die Ruck­säcke und Fut­ter­beu­tel… Ich ger­ate bei jedem neuen Pro­dukt in einen wahren Kaufrausch.
    Ich weiß deine Qual­ität mehr als zu schätzen und weiß, wieviel Arbeit in echter Han­dar­beit steckt. 

    Flauschige Grüße
    San­dra und Shiva

  3. Ich glaube viele machen sich gar nicht klar was Han­dar­beit in Zeiten von Massen­pro­duk­tion bedeutet. Es bedeutet schließlich nicht, das alles einer Mas­chine übergeben wird und man dann das End­pro­dukt direkt bekommt.

    Meine Tipps für Preisnörgler:

    1. Würdet ihr umsonst arbeiten?
    2. Die Nör­gler sollen mal selbst ver­suchen etwas selbst herzustellen. Dann sehen sie was an Mate­ri­alkosten und Arbeit­saufwand anfällt. 😉

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