Allgemein, Alltägliches

Mit Angst spielt man nicht

Ich bin kein Hun­de­train­er und habe keine Ahnung, ob ein Experte meine Ansicht­en teilen würde. Ich habe nur ein kleines Regal mit Büch­ern zum The­ma Hun­deerziehung und Hun­depsy­cholo­gie und wahrschein­lich ist mein wis­senschaftlich­es Wis­sen begren­zt.

All meine Ansicht­en rund um das Zusam­men­leben mit einem Hund basieren auf meinem Bauchge­fühl. Ich bin mir sich­er, dass ich meine Hunde zum Teil ver­men­schliche und ich glaube auch, dass ich zum Teil zu lock­er bin. Strik­te Regeln gibt es bei uns eigentlich nicht. Die Hunde essen, wann sie hunger haben. Liegen, wo sie liegen möcht­en und wir gehen raus, wenn sie es wollen und meist auch wohin sie wollen. Bei uns geben die Hunde den Ton an und irgend­wie füh­le ich mich auch ganz wohl damit. Ich will, dass es ihnen gut geht und ich finde, sie haben ein Recht darauf, ihre eige­nen Bedürfnisse zu äußern. Denn das machen Hunde ganz gewiss, wenn man sie lässt.

Ich zwinge meine Hunde zu nichts. Wenn sie keine Lust auf etwas haben, dann ist das eben so. Irgend­wie habe ich das Gefühl, auf diese Weise eine gute Beziehung zu meinen bei­den Wuf­fels zu haben und ich glaube, die bei­den fühlen sich hier sehr wohl. Ich bin wirk­lich der Überzeu­gung, dass wir miteinan­der kom­mu­nizieren kön­nen. Vielle­icht würde der ein oder andere die Hände über dem Kopf zusam­men­schla­gen. Wenn Queen und Püp­pi Kinder wären, würde man mir wahrschein­lich rat­en, “etwas mehr durchzu­greifen, weil sie mir son­st in der Pubertät auf der Nase herum­tanzen wür­den.” Gut, dass wir diese Zeit hin­ter uns haben 🙂 Aber aus mein­er Sicht würde ich sagen: wir sind hap­py.

Ich möchte, dass Queen und Püp­pi mir zeigen, was sie möcht­en und was nicht und das machen sie sehr deut­lich. Und wenn sie das machen, dann folge ich dem auch. Und so komme ich zu dem The­ma dieses Artikels.

Heute soll es näm­lich um etwas gehen, was mir in let­zter Zeit immer häu­figer aufge­fall­en ist.

Es geht um die Begeg­nung mit frem­den Men­schen.

Queen wollte sich früher nicht von frem­den Men­schen stre­icheln lassen. Sie ver­suchte auszuwe­ichen, stellte sich hin­ter mich. Ich habe sie gelassen. Ich finde nicht, dass man einen Hund dazu zwin­gen sollte, sich von Frem­den anfassen zu lassen. Ohne­hin finde ich den Gedanken völ­lig befremdlich. Ich gehe ja auch nicht auf Müt­ter zu und fasse ihre Kinder an, stre­ichel ihnen über den Kopf oder die Wange. Sowas ver­rück­tes. Aber gut, in manchen Köpfen steckt wohl das drin­gende Bedürf­nis, alles was Fell hat, stre­icheln zu müssen.

Nun gibt es natür­lich diejenige, die wirk­lich Schiss vor einem Deutschen Schäfer­hund haben. Es gibt aber auch genau­so viele, die irgen­deine Erin­nerung mit dieser Rasse verbinden. Omis sind meist die, die “mit Schäfer­hun­den groß gewor­den”. Junge Män­ner “fan­den die Rasse schon immer sehr faszinierend” und Kinder sehen meis­tens Kom­mis­sar Rex und bewun­dern diese Rasse. Bis Queen drei Jahre alt war, ging sie jed­er frem­den Hand aus dem Weg. Kon­seuquent ignori­erte sie jeden Stre­ichelver­such. Mit­tler­weile ist das anders. Bei Erwach­se­nen kommt sie gerne und holt sich ihre Stre­ichelein­heit­en ab, als würde sie Zuhause niemals gestre­ichelt wer­den. Kinder ignori­ert sie nach wie vor, denn für Kinder hat sie wirk­lich gar nichts übrig. Ich denke, Queen find­et Kinder ein­fach zu laut und hek­tisch. Aus ihrer Sicht zu unberechen­bar.

Püp­pi hinge­gen find­et jede fremde Hand erst ein­mal gruselig und kom­men­tiert den Stre­ichelver­such mit einem laut­en, den Kopf in den Nack­en wer­fend­en Wouwouwou. Sie braucht lange, bis sie mit Men­schen warm wird und es gibt Per­so­n­en, die sie von Anfang an ken­nt und denen sie den­noch auswe­icht. Für mich kein Prob­lem, denn ich sehe das nicht als meine, son­dern als ihre Entschei­dung an. Wenn man das ein­fach akzep­tiert und sie lässt, dann kommt sie in der Regel früher oder später auch ganz von alleine.

Oft schmun­zeln die Men­schen darüber und stre­icheln stattdessen Queen. Ein Spruch wie “immer die Kleinen” kön­nen sich die wenig­sten verkneifen.

Unser neuer Tier­arzt — ein übri­gens mehr als gut ausse­hen­der junger Herr 😀 — sagte vor Kurzem: “Ich mag die Kleinen. Die sind wenig­stens ehrlich.” Und Recht hat er, wie ich finde.

Doch in let­zter Zeit ist mir immer häu­figer eine bes­timmte Gruppe von Hun­de­men­schen aufge­fall­en, die ein­fach nicht hin­nehmen möcht­en, dass Püp­pi sich nicht anfassen lassen will. Das sind Hun­de­men­schen, die meist beru­flich mit Hun­den zu tun haben, ohne Experte zu sein. In meinen Erleb­nis­sen waren das Men­schen, die zum Beispiel in einem Zoofach­markt arbeit­en oder auch manch­mal Tier­arzthelferin­nen. Es sind meist Frauen, die diesen “Ich liebe jedes Tier über alles und habe drei Hunde und acht Katzen Blick” drauf haben. Meis­tens Frauen, denen man zutraut, die besten Muffins der Welt zu back­en und die garantiert Zuhause viele Kerzen herum­ste­hen haben. So zumin­d­est stelle ich sie mir vor, doch ich schweife ab.

Was ich sagen will:

Es kommt zu dem Moment, in dem sie sich herun­ter­beu­gen, um Püp­pi stre­icheln zu kön­nen. Püp­pi weicht aus und stellt sich hin­ter mich. Man sieht ihnen an, dass sie gar nicht fassen kön­nen, dass ihnen der Mini­hund auswe­icht und so ver­suchen sie ihr Glück erneut. Die Stimme wird höher, der Arm kommt näher und Püp­pi tut, was sie tun muss. Sie bellt oder — je nach Hart­näck­igkeit des Gegenüber und je nach Tages­form — knur­rt.

Dann kommt der Blick zu mir. Zwei riesen große Kuller­au­gen star­ren mich fra­gend an. Ich merke, dass sie irgen­det­was von mir hören wollen und so kommt von mir meist eine kurze Erk­lärung, die eigentlich auch auf der Hand liegt “Püp­pi möchte sich nicht gerne von Frem­den anfassen lasssen.”

Doch bevor die Mund­winkel kom­plett herun­ter­fall­en, kommt den Men­schen schein­bar eine Art Geis­tes­blitzt. Ein Gedanke, der plöt­zlich wieder ein Lächeln in ihr Gesicht zaubern kann. Es kommt mir vor, als wür­den sie meine Aus­sage nicht hin­nehmen wollen. Als woll­ten sie sagen “Ja, von anderen vielle­icht nicht. Aber ich bin so ein her­zlich­er Tier­lieb­haber. Bei mir muss das ein­fach anders sein.” Als wäre mein Satz eine Art Her­aus­forderung. Als woll­ten sie sagen “Chal­lenge accept­ed” und als woll­ten sie mir beweisen, dass ich Unrecht habe.

Und schwups zaubern sie etwas aus ihrer Jack­en­tasche. Ein Leck­erlis oder ein Spielzeug soll das Eis brechen. Wild fuchteln sie damit vor Püp­pis Nase herum. Für Püp­pi ist eine fremde Per­son aber auch mit Leck­erlis oder Spielzeug nach wie vor eine fremde Per­son und so ändert sich ein­fach nichts.

Doch diese Men­schen geben nicht auf. Sie kom­men näher, fan­gen an lustige Geräusche von sich zu geben oder sich auf den Boden zu schmeißen. Aus mein­er Sicht dur­chaus amüsant.

Und jet­zt mal ehrlich: Wenn ein Hun­debe­sitzer sagt, dass sich dieser Hund nicht anfassen lassen will, dann ist das so. Diese Aus­sage ist wed­er eine Ein­ladung, den Hund zu bedrän­gen, noch als eine Art Her­aus­forderung gemeint. Mir kommt es vor, als woll­ten mir diese Men­schen beweisen, dass Püp­pi bei ihnen anders wäre. Als wür­den sie Punk­te sam­meln für jeden Hund, den sie gestre­ichelt haben und dop­pelte Punk­tzahl bei ängstlichen Hun­den bekom­men. Als wür­den sie denken “Ich bin ein Hun­de­men­sch. Jed­er Hund liebt mich.”

Meist ist die Ent­täuschung groß. Als wäre ihr Tag gelaufen, nur weil Püp­pi sich nicht stre­icheln lassen wollte. Manche schauen auch vor­wurfsvoll in meine Rich­tung. Als hätte ich etwas falsch gemacht. Als würde ich abends neben Püp­pis Kör­bchen sitzen und Gute — Nacht — Geschicht­en über die bösen Men­schen da draußen erzählen. Als hätte ich eine Art Geheim­sprache benutzt, um Püp­pi stur zu machen und als würde ich das tun, um sie zu ärg­ern.

Manch­mal kön­nen Hun­de­men­schen echt selt­sam sein.

7 Comments on “Mit Angst spielt man nicht

  1. Ja genau! Ich kann dir nur zus­tim­men. Shi­va mag sich auch nicht anfassen lassen. Wenn sie es will, dann kommt sie von sich aus und da kann sie auch richtig nervig sein. Schließlich möchte sie ja nun gestre­ichelt wer­den. Kopf unter die Hand und schwup­ps ste­ht sie in der richti­gen Stre­ichel­po­si­tion. Manch­es geht bei ihr immer noch nicht, aber sie ist viel lock­er­er gewor­den, weil ich mir ein­fach die Zeit genom­men habe. Ich habe den Leuten lang und bre­it erk­lärt, dass sie Panik vor frem­den Men­schen hat und vor Kindern ganz schlimm. Aber wenn man ihr Zeit gibt und ruhig und gelassen ist — sie ignori­ert, dann wird der­jenige inter­es­sant. Dann kommt sie von sich aus. Nur dann nicht den Fehler machen und auf sie stürzen, son­dern ganz ruhig bleiben.
    Manche Fre­unde von mir wer­den vor Freude fast umgeschmis­sen, wenn sie diese sieht, manche Frem­den find­et sie vom ersten Blick an toll. Die dür­fen dann auch knud­deln, stre­icheln, kraulen. Da ist sie Feuer und Flamme. Der Rest wird kon­se­quent ignori­ert und wenn sie zu nahe kom­men, wird auch geknur­rt oder ein Zahn-O-Gramm in Aus­sicht gestellt. So ist mein klein­er Psy­cho eben, aber ich finde sie hat Charak­ter und zeigt offen und ehrlich, was sie möchte.

    Flauschige Grüße
    San­dra & Shi­va

    1. Ich sehe das genau­so wie du. Mir ist das auch tausend mal lieber, dass sie von Anfang an zeigen, wo ihre Gren­zen sind.
      Ich habe auch schon Hunde erlebt, die kaum oder gar nicht zeigen, dass es gren­zw­er­tig wird und dann plöt­zlich schnap­pen. Dann lieber von Anfang an klar und deut­lich zeigen, was sie möcht­en und was nicht 🙂

  2. Aaron ist zwar ein kon­tak­t­freudi­ger Lab­bi, aber ich kon­nte schon zu Anfang nicht lei­den, dass jed­er meinte in meinen Hund Leck­erchen stopfen zu wollen,. Da wurde selb­st dreist am Garten­za­un ran gerufen und rüber gereicht…das wo der Hund ler­nen soll nicht am Zaun hoch zu gehen und vor allem nicht jeden Men­schen nach Leck­erchen an zu bet­teln ^^
    Mit ein eini­gen Besitzern habe ich mir damit gle­ich zu Anfang Stre­it einge­han­delt, aber mit der Zeit hörte Aaron auch auf mein Abrufen und staubte so nichts mehr bei den Möchte­gern-Hun­de­fre­un­den ab.
    Bei Tamme ist es auch so, dass er von Frem­den nicht ange­fasst wer­den will. Ist für Leute glaube ich auch schw­er begrei­flich, wie ein Lab­bi der sich nicht von jedem Stre­icheln lassen will. Ja, ist so und er darf gerne hin­ter mir Schutz suchen.

  3. Hal­lo Sab­ri­na,

    bin vor kurzem auf Deinen Blog gestoßen, weil bei uns immer mal die “Zwei­thund­de­bat­te” aufkommt. Wie auch immer. Habe mich dann in fast all Deinen Artikeln fest­ge­le­sen und freudig bemerkt, dass da endlich auch noch eine Hun­debe­sitzerin da draußen ist, die genau­so tickt wie wir. Außer­dem hast Du mich damit dazu indi­rekt ani­miert, in meinem Blog, in dem es eigentlich um was anderes geht, doch auch das The­ma: “Hun­deleben” zu eröff­nen.

    Zu dem o. g. “Angst­text”. Ich vertrete grund­sät­zlich die Ansicht, dass ich, wenn ich mit meinem Hund unter­wegs bin, ich der Rudelführer bin. D.h. JEDER ob ander­er Hund oder Men­sch hat MICH zuerst zu kon­tak­tieren und um Erlaub­nis zu fra­gen, bevor er etwas mit meinem Rudel anstellt. Da Nemo das Anfassen von Frem­den auch nicht mag, sage ich grund­stät­zlich “Nein” zu den Men­schen.
    Es gab auch genü­gend Leute, die ich dann, als sie den­noch die Hand aust­streck­ten sehr streng gefragt habe: “Was an einem NEIN nicht zu ver­ste­hen ist?”.

    Ich bin auch kein beliebter Hun­debe­sitzer, stelle vor allem fest, dass ich es als Mann doch leichter habe, meine Inter­essen nach Außen erfol­gre­ich durchzuset­zen, als meine Frau, wenn sie mit Nemo allein unter­wegs ist. (Was mich im übri­gen auch nervt. Das ger­ade andere und meist männliche Hun­debe­sitzer bei Frauen immer so tun, als ob die “Tussie sich jet­zt mal nicht so haben solle wegen dem Hund”.)

    Ach … ick kön­nte ja noch … aber dafür hab ich ja jet­zt meinen eige­nen Blog.:-)

    Viele Grüße unbekan­nter­weise und sei weit­er­hin genau­so für Deine Hunde, wie Du es bish­er bist.

  4. Du sprichst mir sowas von aus der Seele! Genau diese Leute ver­suchen es auch immer auf Teufel komm raus Pix­ie anzu­tatschen. Und bei Frem­den kommt bei ihr dann immer die Angst durch, die wir anson­sten echt gut im Griff haben. Die sind vor allem unglaublich hart­näck­ig als wür­den sie ein “Nein” in Pix­ies Kör­per­sprache und ein “Mein Hund hat Angst vor Frem­den” von mir kom­plett über­hören.
    Pix­ie weicht dann aus, duckt sich weg, ver­steckt sich hin­ter mir und fängt im schlimm­sten Fall an die Per­son anzubellen. Wenn sich dann solche “Hun­de­v­er­ste­her” direkt über Pix­ie beu­gen und ihr noch über den Kopf tätscheln wollen, ver­drehe ich auch direkt die Augen. Haben keinen Schim­mer wie man einen Hund richtig begrüßt aber große Klappe. Schön ist es auch wenn Müt­ter ihre Kinder zum “WauWau” schick­en. Wie oft habe ich mich schon vor Pix­ie stellen müssen und schnell “STOP” gerufen, da Pix­ie bei Kindern echt Schiss bekommt. Unfass­bar was sich diese Müt­ter dabei denken! Wie du schon sagst: ich renne ja auch nicht zu ihren Kindern oder lehne mich in den Kinder­wa­gen und tätschel sie. Aber bei Hun­den ist das wohl selb­stver­ständlich. Aber ganz ehrlich: ich bin meis­tens froh dass Pix­ie sich nicht gerne anfassen lässt und über­all direkt anbiedert. Sie bleibt automa­tisch mehr bei mir und sucht auch meinen Schutz. Ist in ein­er Großs­tadt wie Ham­burg nicht verkehrt, denn so habe ich sie immer gut im Blick und ihr Radius bleibt schön klein. 😉 Liebe Grüße Rebec­ca

  5. Hach­ja, das kenn ich auch. Meine Hündin ver­steckt sich allerd­ings nicht hin­ter mir, son­dern han­delt nach dem Mot­to “Angriff ist die beste Vertei­di­gung”. Das heißt, wenn sie sich bedrängt fühlt, geht sie nach vorne und fordert das Gegenüber zu einem Rauf- oder Renn-Spiel auf. Spätestens, wenn den Men­schen dann ein aufgeregter Riesen­schnau­zer ins Gesicht springt oder mit den Pfoten “haut”, wollen die meis­ten aber nicht mehr und ich ernte böse Blicke mit dem Hin­weis, ich solle mit ihr doch mal eine Hun­de­schule besuchen 🙈 Mir wäre es auch lieber, Rubi würde in solchen Sit­u­a­tio­nen wegge­hen anstatt kör­per­lich zu wer­den, aber das klappt irgend­wie nicht.

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