Erziehung

Der Hund ist kein Wolf und der Mensch kein Rudelführer

Vor weni­gen Tagen habe ich einen Artikel über Cesar Mil­lan verfasst.

Ich wusste vorher, dass ich mir mit diesem Beitrag nicht nur Fre­unde machen werde. Aber das ist in Ord­nung, denn da stehe ich drüber. Ich habe lediglich meine Mei­n­ung in Worte gefasst und die hat sich auch kein Stück geändert.

Ich habe zahlre­iche Kom­mentare und Nachrichten bekommen.

Ange­fan­gen von “Ich teile deine Mei­n­ung zu 100%” bis hin zu Belei­di­gun­gen, die ich hier nicht wieder­holen möchte.

Darum soll es aber heute gar nicht gehen.

Zahlre­iche Kom­mentare hat­ten eines gemeinsam:

Viele Hun­de­hal­ter sprachen davon, stolz zu sein, dass sie ein Rudelführer seien. Einige stützten ihre Argu­mente auf das ange­blich aggres­sive und dom­i­nate Alpha — Tier in einem Wolf­s­rudel . Immer wieder wur­den Par­al­le­len zum Leben eines Wolfes gezogen.

Doch seien wir mal ehrlich:

Mit einem Wolf haben unsere Hunde nicht mehr viel gemeinsam!

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Der Hund stammt vom Wolf ab. Insoweit besteht Einigkeit.

Ein Hund sollte auch nicht ver­men­schlicht wer­den, damit er sich in seinem natür­lichen Ver­hal­ten frei ent­fal­ten kann. Auch hier ist man sich einig.

Aber sollte man einen Hund wie einen Wolf betrachten?

Unsere Hunde leben weder im Wald noch beschaf­fen sie sich ihr Essen selbst. Sie leben auch nicht auss­chließlich mit Artgenossen zusammen.

Unsere Hunde sehen völ­lig anders aus. Sie führen ein vol­lkom­men anderes Leben. Durch die Zucht sind viele Urin­stinkte eines Wolfes nach und nach verschwunden.

Die Art zu kom­mu­nizieren hat sich eben­falls verän­dert. Manche Hunde haben gar nicht die anatomis­chen Möglichkeiten wie ein Wolf zu kom­mu­nizieren. Ihnen fehlt vielle­icht die lange Rute oder sie haben viel weniger Gesicht­szüge als der Wolf.

Die Hunde leben mit uns zusam­men. Die aktuelle Forschund ist sich sicher, dass zwis­chen uns kann kein Rudel entste­hen kann. Ein Rudel gibt es nur unter art­gle­ichen Tieren. Das bedeutet natür­lich nicht, dass wir keine Beziehung zu unserem Hund haben. Neuste Forschungsergeb­nisse zeigen, dass Hunde uns Men­schen gar nicht in ihre Ran­gord­nung mit einbeziehen.

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Außer­dem sind sich der Großteil der Wolfs­forscher in fol­gen­den Punk­ten einig:

Ein Rudel gle­icht einer Fam­i­lien­struk­tur. Ein andauern­der Kampf um die Ran­gord­nung gibt es nicht. Ein Alphatier zeich­net sich durch Fre­undlichkeit und Für­sor­glichkeit aus. Alphatiere beschützen und sind tol­er­ant. Unvorherge­se­hene Gewalt geht niemals von ihnen aus. Alphatiere sind abso­lut sou­verän und wür­den ihre Rudelmit­glieder niemals unter Druck set­zen oder bedrohen.

Zu kör­per­lichen Auseinan­der­set­zun­gen oder Aggres­sio­nen kommt es nur im absoluten Not­fall, in dem es in der Regel um Leben oder Tod geht. Das weit ver­bre­it­ete Nack­en­schüt­teln zur Maßregelung von Hun­den wird daher von einem Hund als Angriff auf sein Leben inter­pretiert. Dies führt zu einem Ver­trauensver­lust des Hun­des zu seinem Menschen.

Gesten der Unter­w­er­fung wer­den niemals von einem Alphatier erzwungen.

Ein Hund, der sein Fut­ter vertei­digt ist nicht zwangsläu­fig dom­i­nant. Vier­beiner liegen vielle­icht nur auf dem Sofa, weil sie es bequem finden und nicht, weil sie das Alphatier sein wollen.

Und selbst wenn man den­noch von einer rudelähn­lichen Gemein­schaft aus­ge­hen will, so sollte man sich nur dann als “Rudelführer” beze­ich­nen, wenn man auch alle diese Voraus­set­zun­gen erfüllt. Nur, wenn wir stets sou­verän und ruhig sind; nur, wenn wir unserem Hund stets Schutz bieten und kein­er­lei Aggres­sio­nen zeigen (außer es geht um Leben und Tod), nur dann darf man sich Rudelführer nennen.

Ein Rudelführer ist keine Per­son, die mit stolz geschwell­ter Brust voraus­geht und durch aggres­sive Gesten sein Rudel lenkt!

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Es gibt zahlre­iche Par­al­le­len zwis­chen Hund und Wolf, aber wir müssen ver­ste­hen, dass unsere Hunde keine Wölfe sind!

Zwar kön­nen wir von den Wölfen viel für den Umgang mit unserem Hund ler­nen, aber wir kön­nen unseren Hund nicht wie einen Wolf behandeln.

 

 

Cesar Millan? Nein danke!

Viele von euch wis­sen bes­timmt, dass ich Cesar Mil­lan nicht mag. Und “nicht mögen” ist hier noch milde ausgedrückt…

Auch ich habe seine Sendun­gen ange­se­hen. Wollte wis­sen, was für ein Men­sch hin­ter “dem Hun­de­flüsterer” steckt. Ich muss zugeben, dass ich nur sehr wenige Sendun­gen gese­hen habe.

Irgend­wie scheinen in Amerika immer wieder die typ­is­chen Prob­leme aufzu­tauchen. Entweder zer­legten die Hunde das Haus, bis­sen Artgenossen oder Men­schen, oder sie pöbel­ten an der Leine.

Bere­its schnell wurde klar, dass für Cesar Mil­lan der Fokus auf dem Hund legt. Dass die Men­schen die Prob­leme zum Teil verur­sacht, zum Teil gefördert haben, rückt in den Hintergrund.

Der Hund ist ein­fach nicht sozial­isiert” scheint seine Muster — Lösung für alles. Und obwohl die Prob­leme inner­halb der Fam­i­lie bestanden, nahm “der Hun­de­flüsterer” den Vier­beiner mit in “sein Rudel”. Nach eini­gen Tagen kam dann ein ange­blich völ­lig verän­derter Hund nach Hause zurück.

Und dann ist da noch dieses ständige “Tsch”. Bei jedem “Fehlver­hal­ten” des Hun­des folgt dieses Geräusch durch Cesar Mil­lan. Und selbst der schlimm­ste “Rüpel” schien äußerst beein­druckt und wich direkt zurück. Dass da etwas nicht stim­men kann, liegt auf der Hand. Nicht sel­ten hört man das Gerücht, Cesar Mil­lan würde hier mit Strom arbeiten. Jemand aus dem Kam­er­ateam würde die Fernbe­di­enung bedi­enen und immer auf den Aus­löser drücken, sobald Cesar zischt.

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Also ja, ich bin gegen Cesar Millan.

Ich halte seine Meth­o­den für tier­schutzwidrig und seine Ein­stel­lung gegenüber Tieren für fragwürdig.

Doch kom­men wir mal weg von den Gerüchten und wen­den uns den Fak­ten zu.

Während wir in erster Linie nach einer engen Bindung zu unserem Hund streben, ver­steht Cesar Mil­lan einen Hun­debe­sitzer als Rudelführer. Er arbeitet nicht nur mit Strafen, son­dern schreckt auch vor dem Ein­satz eines Würge­hals­ban­des nicht zurück.

Im Novem­ber 2015 entscheid das Oberver­wal­tungs­gericht Lüneb­urg, dass Cesar Milan eine tier­schutzrechtliche Erlaub­nis benöti­gen würde, um auf der Bühne mit Zuschauer — Hun­den arbeiten zu kön­nen. Cesar Mil­lan ist jeoch — oh Wun­der — durch die Hun­de­trainer — Prü­fung gefallen, sodass bei jeder Show in Deutsch­land ein geprüfter Trainer anwe­send sein muss.

Den maßge­blichen Teil des Urteils habe ich hier für euch zitiert (Cesar Mil­lan wird hier als “Antragssteller” bezeichnet):

Vor und im Rah­men der Show wer­den Hunde fremder Hun­de­hal­ter vom Antrag­steller entweder selbst aus­ge­bildet oder die Hun­de­hal­ter bei der Aus­bil­dung der Hunde angeleitet. Der Kon­takt der Hunde mit dem Antrag­steller beschränkt sich dabei keineswegs auf die bis zu zehn­minütige Büh­nense­quenz. Vielmehr wer­den nach den Vor­brin­gen der Antrags­geg­nerin etwa vier Stun­den vor Beginn der Show die Hunde vom Antrag­steller aus­gewählt und hin­ter der Bühne zusam­men mit den Tier­hal­tern auf ihren Ein­satz in der Show vor­bere­itet. Nach den Erken­nt­nis­sen der an der Auswer­tung der vom Antrag­steller zugeleit­eten Film­se­quen­zen und öffentlich über das Inter­net zugänglichen Videos von ver­gle­ich­baren früheren Auftrit­ten des Antrag­stellers beteiligten Tierärzte wur­den die Hunde unter anderem durch den Ein­satz von Würgeschlaufen sowie durch gezielte Schläge und Tritte auf den Kehlkopf und in den Nieren­bere­ich ver­bun­den mit bes­timmten Zis­chlauten inner­halb kürzester Zeit der­art kon­di­tion­iert, dass sie auf der Bühne das uner­wün­schte Ver­hal­ten nicht mehr zeigten, dafür aber deut­liche Anze­ichen von Verängs­ti­gung, Verun­sicherung, Mei­de­v­er­hal­ten und Stress erken­nen ließen.”

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Nor­maler­weile möchte ich meine Leser durch diesen Blog an unserem Leben teil­haben lassen. In der Regel sollen meine Beiträge entweder der Unter­hal­tung dienen und infor­ma­tiv sein.

Doch diesen Beitrag hier schreibe ich zusät­zlich in der Hoff­nung, dass ihn möglichst viele Men­schen lesen. Ich hoffe, dass die Men­schen nicht mehr vor dem TV sitzen und denken “Der kann was” oder “Der ver­steht die Hunde”. Ich hoffe, dass nie­mand mehr seine Meth­o­den selbst anwen­det oder ihn zum Vor­bild nimmt. Ich wün­sche mir, dass sein Ver­ständ­nis von Hun­de­hal­tung endlich ausstirbt.

Denn eines ver­stehe ich wirk­lich nicht:

Nach wie vor füllt Cesar Mil­lan hier in Deutsch­land die Hallen. Seine Show ist stets so gut wie ausverkauft…

Und warum nennt man ihn eigentlich “den Hun­de­flüsterer”? Wenn ich seine Sendung ein­schalte, dann sehe ich einen Mann, der dro­hend und laut ver­hält. Keiner der Hunde kom­mu­niziert mit ihm. Sie alle ver­suchen, ihm auszuwe­ichen und zu beschwichti­gen. Die Hunde in seiner Sendung sind durch­weg gestresst und ängstlich.

Er forscht nie nach den Ursachen der Prob­leme, son­dern bekämpft nur die Symptome.

Uns allen ist klar, dass ein Zusam­men­leben mit Hun­den so nicht ausse­hen darf.

Über Sofawölfe, die (k)einen Rudelführer brauchen

Kennt ihr auch diese tollen ange­blichen Ratschläge von richti­gen ange­blichen Experten, die auf jeden Fall ange­blich zum Erfolg führen sollen?

Da hät­ten wir die Klassiker:

Dein Hund braucht eine klare Hier­ar­chie. Du musst ein Rudelführer sein.”

Kein Hund stirbt an einer aufgeris­se­nen Kralle. Immer­hin stam­men die vom Wolf ab.”

Nahrungsergänzungsmit­tel? Dein Hund braucht Fleisch. Wölfe schüt­ten sich auch kein Pul­ver über ihr Kanninchen.”


Und meinen absoluten Lieblingssatz: “Dein Hund ver­hält sich so, weil er nach Macht strebt.”

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